Gedankenspiele

Keine Zeit, oder doch?

Zeit sollte eigentlich etwas statisches sein. Jeder Tag hat schließlich 24 Stunden. Aber weit gefehlt. Abgesehen von den etwas komplizierteren Erklärungen aus der Relativitätstheorie, erleben wir täglich die unterschiedlichen Dimensionen der Zeit.
Bei unserer Lieblingsbeschäftigung vergeht sie wie im Fluge und in der Kassenschlange dehnt sie sich unendlich. Ganz abgesehen davon, dass wir uns ja grundsätzlich an der Kasse anstellen, wo es am längsten dauert. Aber das ist noch ein ganz anderes Thema.

Zeit ist offensichtlich knapp. Denn wir haben ja schließlich alle Stress. Ein aktuelles Massenphänomen. Kaum mehr einer wagt zu sagen, dass er Langeweile hätte. Das würde ja implizieren, dass er ein unausgefülltes Leben führen würde, keine Follower in den Sozialen Medien hätte und antriebslos sei. Jedes Einzelne wäre schlimm genug, in der Summe schlichtweg …  unsäglich.

Wir wissen, dass der moderne Mensch weniger Zeit für die Arbeit aufwendet als je zuvor. Die Tätigkeiten zu Hause, in Landwirtschaft, Gewerbe, Handel und Verwaltung werden durch die Segnungen der technisierten Welt unterstützt, oder sogar überflüssig. Neue Tätigkeiten sind zwar hinzugekommen, aber die Lebensführung ist gegenüber der grauen Vorzeit so, wie man sich damals das Schlaraffenland vorgestellt hätte.
Das Land wo Milch und Honig fließt, dort wo einem gebratene Hähnchen in den Mund fliegen und wo Wichtel die unangenehmen Arbeiten erledigen. Kurzum, die Überflussgesellschaft des 21. Jahrhunderts lässt grüßen.

Aber warum haben wir denn alle Stress und keine Zeit?

Die moderne Welt ist anders geworden und wir halten nicht mal inne um zu überlegen und uns zu besinnen.
Wir haben (s.o.) immer noch 24 Stunden am Tag Zeit, um unser Leben zu gestalten. Es ist also gar nicht so, als hätten wir keine Zeit. Die alles bestimmende Frage ist, ob uns eine Tätigkeit so wichtig ist, dass wir uns Zeit dafür nehmen.
Erklärt an einem Beispiel:
Ich habe keine Zeit meinen Freund auf ein Bier zu besuchen, weil mein Haus unbedingt renoviert werden muss.
Das sähe ganz anders aus, wenn der Freund sterbenskrank im Krankenhaus läge und es nur noch wenige Gelegenheiten gäbe sich mit ihm auszusprechen. Dann würde die Renovierung des Hauses ganz schnell in den Hintergrund rücken und wir hätten plötzlich Zeit für den Freund. Wir haben also so viel Zeit wie wir wollen!

Sicherlich gibt es existentielle Bedarfe, die ein gewisses Zeitbudget einfordern, aber selbst die unterliegen bis zu einem gewissen Grad unserer Gestaltung, denn man muss sich immer fragen, ob es den Aufwand lohnt. Es gibt Menschen, die mit wenig auskommen und es gibt Menschen, denen es selten genug ist. Jeder muss seinen Weg dazwischen suchen.

Man muss allerdings bedenken, dass wir in gewisser Weise Sklaven unserer Entscheidungen sind. Ist eine Entscheidung einmal getroffen, sind die Folgen zwingend und manchmal mit nur mit großem Aufwand umkehrbar. Je höher die ethische Relevanz einer Entscheidung ist, desto höher der Preis einer Umkehrung. Für unsere Entscheidungen gilt allgemein, nicht handeln hat meistens auch Auswirkungen. Manchmal sogar sehr gravierende.

Sicherlich muss man auch beachten, wie selbstbestimmt eine Entscheidung getroffen werden konnte. Die Verantwortung für die Auswirkungen seiner Entscheidungen kann man dann zwar beklagen aber meist nicht ablegen.

In aller Regel sind wir Menschen, die in einer westlichen Demokratie leben, aber in der Lage, unsere Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen. Wobei keiner gesagt hat, dass das immer einfach ist.

Wenn wir keine Zeit haben, hätten wir aber Zeit haben können, wenn es uns nur wichtig genug gewesen wäre Zeit zu haben.