Übergewicht: fehlerhafte Lebensgewohnheiten oder unvermeidliches Schicksal?
In den öffentlichen Darstellungen wird sehr häufig hervorgehoben, dass Menschen mit Übergewicht eher nicht dafür verantwortlich sind, sondern viel mehr Veranlagung, (Epi-)Genetik und Krankheiten (z.B. hormonelle Störungen).
Nach meiner Wahrnehmung geschieht das aber eher aus einer falsch verstandenen Unterstützung übergewichtiger Menschen, um diese vor einer gesellschaftlichen Stigmatisierung und deren nachteiligen Wirkungen zu schützen (Bodyshaming usw.). Ich stelle aber immer wieder fest und Mediziner warnen davor, dass es im Laufe der Zeit zu einer deutlichen Zunahme übergewichtiger Menschen gekommen ist. Überall werden XXL-Portionen zum Verzehr angepriesen, werden stark kalorien- und zuckerhaltige Speisen und Getränke im Unmaß konsumiert und die Menschen bewegen sich zu wenig (Sitzen ist das neue Rauchen).
Ist es tatsächlich so, dass in den letzten Jahrzehnten andere Gründe als maßloses Essen und Trinken hochenergetischer Nahrungsmittel für die exorbitante Gewichtszunahme der Bevölkerung maßgeblich sind?
Anbei meine Einschätzung dazu und Quellen zu meinen Darlegungen:
Individuelle Verantwortung vs. strukturelle Faktoren
- Veranlagung und Genetik:
Genetische Faktoren spielen eine Rolle dafür, wie Menschen Energie speichern, Hunger empfinden und wie effizient ihr Stoffwechsel arbeitet.
Aber: Unsere Gene haben sich in den letzten 40–50 Jahren nicht wesentlich verändert. Die Zunahme von Übergewicht in der Bevölkerung lässt sich also nicht primär durch Genetik erklären. - Epigenetik:
Frühe Prägungen (z. B. Ernährung der Mutter während Schwangerschaft, frühe Kindheitsernährung, Stress) können das Risiko beeinflussen.
Aber: Das ist ein Faktor, der zunehmend an Bedeutung gewinnt, da übergewichtige Eltern ihre Ernährungsgewohnheiten „vererben“. Werdende Mütter setzen bereits durch eigenes Ernährungsverhalten während der Schwangerschaft Maßstäbe und beide Elternteile durch Vorleben (-essen) ab dem Babyalter. Das sollte aber nicht der Haupttreiber für den bereits seit langem zu beobachtenden massiven Anstieg der adipösen Menschen weltweit sein.
Haupttreiber der weltweiten Zunahme übergewichtiger Menschen
Die Mehrheit der Fachliteratur zeigt, dass Umwelt- und Lebensstilfaktoren entscheidend sind:
- Nahrungsumgebung:
Billige, jederzeit verfügbare, stark verarbeitete Lebensmittel (viel Zucker, Fett, Salz, Geschmacksverstärker). „Portion Distortion“: Portionen sind heute deutlich größer als vor 30 Jahren. - Getränke:
Süßgetränke und Alkohol sind eine große Kalorienquelle ohne Sättigungswirkung. - Bewegungsmangel:
Berufliche Tätigkeiten sind sitzender geworden, Freizeitaktivitäten zunehmend digital. - Marketing & Werbung:
Starker Einfluss auf Essgewohnheiten, besonders bei Kindern. - Bildung:
Die meisten Menschen mit einem höheren Bildungsgrad gehen zwar weniger körperlich anstrengenden beruflichen Tätigkeiten nach
Aber: Menschen mit einem höheren Bildungsgrad sind meist besser über zuträgliche Lebensführung informiert und leben danach. Fehlendes Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil führt hingegen bei der arbeitenden Bevölkerung oftmals zur Überkompensierung des höheren, berufsbedingten Kalorienverbrauchs.
Diese Faktoren erklären den raschen Anstieg besser als alle anderen.
Krankheiten und hormonelle Störungen
- Erkrankungen wie Schilddrüsenunterfunktion, Cushing-Syndrom oder bestimmte Medikamente (z. B. Psychopharmaka) können Gewichtszunahmen verursachen.
- Aber: Diese betreffen nur einen kleinen Teil der Bevölkerung und erklären die massive Zunahme nicht.
Warum wird Genetik so stark betont?
Öffentlich wird oft betont, dass Betroffene „nicht selbst schuld“ sind.
- Hintergrund: Stigmatisierung und Bodyshaming haben nachweislich negative Folgen (psychisch, sozial, auch medizinisch).
- Gleichzeitig möchten Fachleute vermitteln: Nicht alle Übergewichtigen sind „willensschwach“. Es gibt Unterschiede in Sättigung, Stoffwechsel und Essverhalten, die teils genetisch gesteuert sind.
Das kann aber leicht den Eindruck erzeugen, dass individuelle Ess- und Bewegungsgewohnheiten „kaum eine Rolle spielen“. Wissenschaftlich stimmt das so nicht.
Fazit
- Die Zunahme von Übergewicht in den letzten Jahrzehnten ist fast vollständig durch Veränderungen der Umwelt, Esskultur und Lebensweise erklärbar.
- Genetik und Krankheiten erklären Unterschiede zwischen Individuen, aber nicht den globalen Trend.
- Der starke Fokus auf Genetik in der öffentlichen Darstellung hat eher einen gesellschaftspolitischen Grund (Stigmavermeidung), nicht primär einen wissenschaftlichen.
Kurz gesagt: Maßloses Essen von hochenergetischen Lebensmitteln in Verbindung mit Bewegungsmangel und frühkindliche Prägungen sind die Hauptursachen des kollektiven Trends. Genetik beeinflusst, wer besonders anfällig ist – aber nicht, warum die gesamte Gesellschaft dicker wird.
Quellen (Auswahl)
- Quarks.de – Populärwissenschaftliche Zusammenfassung
https://www.quarks.de/gesundheit/ernaehrung/darum-werden-menschen-uebergewichtig/
→ Es gibt viele Ursachen für Übergewicht – Man kann aber etwas dagegen tun, manche haben es allerdings schwerer als andere - WHO – Obesity and overweight
https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight
→ Betont Umwelt- und Lebensstilfaktoren als Hauptursachen.
- Hruby & Hu (2015), The Epidemiology of Obesity: A Big Picture. Pharmacoeconomics.
→ Übersicht zu genetischen und umweltbedingten Einflüssen; Genetik erklärt Unterschiede zwischen Individuen, nicht aber den globalen Anstieg.
- Swinburn et al. (2011), The global obesity pandemic: shaped by global drivers and local environments. The Lancet.
→ Umfassende Analyse, die besonders die Rolle von „obesogenic environments“ (förderliche Umgebungen für Gewichtszunahme) hervorhebt.
- NCD Risk Factor Collaboration (2016), Trends in adult body-mass index in 200 countries. The Lancet.
→ Belegt den massiven Anstieg von Übergewicht seit den 1970er Jahren weltweit.
- Allison et al. (2008), Obesity: the genetic contributions. Obesity.
→ Erklärt den Einfluss von Genetik, aber auch deren Grenzen.
