Gesundheit

So (wenig) krank ist der deutsche Arbeitnehmer

Ausgerechnet die eher konservative Tageszeitung „Die Welt“ hat am 11.02.206 in ihrem Artikel „So krank ist Deutschland wirklich“ die Ansicht von Kanzler Merz widerlegt, der den Arbeitnehmern das „blaumachen“ unterstellt.

Wie immer halfen Zahlen, Daten, Fakten viel eher als Mythen.
Die Zahl der Krankschreibungen steigt ofensichtlich stetig und 2022 kam es zu einem wahrnehmbaren Sprung nach oben.
Zwar ist nach Corona die Anzahl der Atemwegserkrankungen hoch gegangen, aber einen viel höheren Einfluss hat, dass die Ärzte seit 2022 Krankschreibungen automatisch an die Krankenkassen weitergeben müssen. Offensichtlich sind zuvor etliche Krankschreibungen zwar bei den Arbeitgebern zum Nachweis, aber nicht bei den Krankenkassen gelandet.

Die telefonische Krankschreibung ist offensichtlich kein Treiber, weil nur etwa 1,5% der gesamten Fälle darauf entfallen. so äußert sich u.a. Auch Helmut Schröder, Mitherausgeber des Fehlzeitenreports und Geschäftsführer des wissenschaftlichen Instituts der AoK (WIdO).

Es gäbe aber wohl drei andere Gründe:

  • Die Arbeitnehmer werden wegen des ansteigenden Renteneintrittsalters immer älter und somit auch die Anfälligkeit für Krankheiten und auch die Dauer der Krankschreibungen.
  • Der Anteil der berufstätigen Frauen steigt deutlich. Bedingt durch Mehrfachbelastungen durch Erziehung, Pflege, Haushalt und Beruf im gleichen Zug auch die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung. Sie arbeiten sehr oft in psychisch belastenden Berufen und erkranken auch selbst häufiger an psychischen Krankheiten, die wesentlich schwerer zu heilen sind und somit auch länger andauern.
  • Deutschland entwickelt sich immer weiter von einer Arbeiter- zu einer Wissens- und Dienstleistungswirtschaft. Auch hier dominieren psychische Erkrankungen immer mehr und vergleichsweise „einfache“ Erkrankungen (Verletzungen oder Muskel- oder Skeletterkrankungen) gehen zurück. Die Aufwände steigen auch hier.

Zudem haben Umfragen ergeben, dass über 92% der Arbeitnehmer nie ohne Grund zu Hause blieben. Auch der Medizinische Dienst der Krankenkassen bestätigt diese Aussage. Von über 68 Millionen Krankschreibungen in 2022/23 sind lediglich 13,648 von Arbeitgebern als Verdachtsfälle gemeldet worden und lediglich in 11,6% dieser Fälle wurde diese Annahme bestätigt.
Zwar fallen 37% der Krankschreibungen auf einen Montag, aber das habe eher damit zu tun, dass Erkrankungen samstags und sonntags nicht diagnostiziert werden können. Wenn man das einbeziehen würde, wäre der Montag statistisch nicht auffällig.

Aber: Die Statistiken erfassen nur die Krankschreibungen ab dem 4. Tag. Die sogenannten Kurzzeiterkrankungen tauchen in den Statistiken der Krankenkassen nicht auf.
Es gibt aber noch andere Auffälligkeiten. 25% der Ausfälle wegen Krankheit gehen auf lediglich 1,8% der Arbeitnehmer zurück. Hierfür ursächlich sind vor allem langwierige Erkrankungen wie Krebserkrankungen, psychische Erkrankungen oder Erkrankungen des Bewegungsapparates.
Jüngere Arbeitnehmer (15-19) fallen ca, doppelt so lange aus wie ältere (55-59), was wohl mit einem riskanteren Lebensstiel, Sport und der erhöhten Teilnahme am Verkehr liegt. Jüngere sind eher kürzer, ältere eher länger krank.
Gut verdienende Versicherte sind eher weniger krank als schlechter verdienende, offensichtlich weil deren Arbeitsverhältnisse weniger unfallanfällig sind, diese sich gesünder ernähren und mehr Sport treiben würden. Darüber hinaus sei die Verbundenheit mit dem Betrieb bei gutverdienenden stärker ausgeprägt und damit die Bereitschaft trotz Erkrankung höher. Was andererseits wieder vermehrt zu Krankheitsverschleppungen führe.

Also Herr Merz, Populismus ist hier fehl am Platze. Auch ein Bundeskanzler muss sich wohl besser informieren, bevor er losschwatzt!