Der vergiftete Traum vom Regimewechsel im Iran
(Quelle: u.a Josef Joffe, DIE WELT, vom 24.06.25)
Krieg beginnen, ist nicht schwer, Krieg gewinnen dagegen sehr. Und die Bildung eines sicheren Staatsgefüges ist noch etliches schwieriger!
Intelligente Menschen lernen auch aus der Geschichte. Eigentlich gab es aber in der jüngeren Geschichte nur zwei Ereignisse, wo sich ein von außen erzwungener Regimewechsel langfristig etabliert hat. Nach dem zweiten Weltkrieg, in Deutschland und Japan. Alle anderen wilden Phantasien von den überlegenen Werten einer Demokratie, insbesondere wenn sie einem unterlegenen Volk aufgezwungen wurden, strafen uns Lügen!
Heute zählen unverbesserliche Optimisten auf den Sturz der Mullahkratie im Iran und den quasi automatisierten Wechsel in eine bessere Welt. Wenn Israel und die USA nur genügend Bomben auf das Land werfen, die westliche Welt zustimmend nickt, wähnen sie sich am Ziel.
Dann wäre es endlich mit der Tyrannei, der Atomrüstung und dem Imperialismus der Mullahs vorbei.
Aber ist es so einfach? Reicht es, wenn eine Armee aus westlich-demokratisch geprägten Staaten ein Land bombardiert, die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken versetzt und der Hydra die Köpfe abschlägt? Oder wachsen dort immer wieder und immer mehr Köpfe nach und es wird alles nur noch schlimmer?
Es gibt genügend Beispiele, das vermuten lassen.
- Militär und CIA stürzten 1953 im Iran den Machtmenschen Mossadegh. Der Schah Mohammad Reza Pahlavi übernahm die Macht und unterdrückte das Volk noch härter.
- Im Irakkrieg 2003 beseitigte Amerika den Schlachter Saddam Hussein. Und wieder etablierte sich keine Demokratie nach westlichem Vorbild, sondern letztendlich der mörderische „Islamischen Staat“, der 2013 bis 2017 eine neue Intervention herausforderte. Seitdem ist der Irak ein Vasallenstaat des Iran und der dort herrschenden Mullahs.
- 2011 zerbombte eine westliche Koalition Libyen. Der Schreckensherrscher Gaddafi wurde von Aufständischen umgebracht und … der Staat wurde das Opfer rivalisierender Milizen.
- Amerika und Verbündete bezwangen in Afghanistan 2001 die totalitären Taliban. Nach zwanzig Jahren verließen die Friedenstruppen Hals über Kopf das Land und überließen es dem grausamen und repressiven Würgegriff der Gotteskämpfer.
Man könnte diese Liste noch um etliche Punkte verlängern.
Alle Versuche, eine bessere Welt mit Gewalt von außen zu installieren, scheiterten mehr oder weniger daran, dass zunächst die alten Strukturen zerschlagen wurden, ohne ein langfristig funktionierenden und von innen getragenem Staatsapparat aufzubauen. Das Vorgehen der USA 2003 im Irak hätte als warnende Blaupause für alle gescheiterten Versuche gelten können, wollte man ein Staatsgefüge nach westlichem Muster auf den Trümmern eines Terror-Regimes errichten. Die USA hat 2003 Armee und Bürokratie im Irak zerschlagen. Sie schufen so ein Vakuum, in dem der Machtkampf zwischen gewaltbereiten Clan-Chefs, religiösen Eiferern und Despoten entbrennen konnte.
Freie Wahlen kommen gegen hoch motivierte, gut gerüstete Kräfte nicht an. Sodann fehlt den Besatzern die Legitimität, deshalb können die Aufständischen den Nationalismus gegen die neuen Herren und deren „Marionetten“ schüren.
Anders als in Deutschland und Japan fehlte bei allen späteren Eingriffen eine verbindende ethnische Homogenität. Sobald die Unterdrückung der Ethnien endet, brechen alte Wunden wie stinkende Geschwüre auf und sind Brandbeschleuniger für die Fragmentierung und Legitimation zur Unterdrückung der Gesellschaft. Jedes Volk, jeder Stamm oder Sekte will die Vorherrschaft erlangen oder wenigstens einen eigenen Staat errichten. Im Binnenkrieg sind Demokraten nie die Sieger. Das zeigt Libyen seit Gaddafis Ende. Es gehört Warlords, die nur den eigenen Vorteil suchen. Die gute Absicht gerät zum Fluch, zum Nachrücken neuer Tyrannen.
Daraus folgt ein Eisernes Gesetz: Wer reingeht, muss wahrscheinlich bleiben und wer Wollen will, muss Können können!
Das erfordert ein definiertes Ziel, militärische und wirtschaftliche Macht, Rückhalt in der eigenen Bevölkerung und dann ein Durchhalten ohne feststehendes Abzugsdatum.
Das war schon so in den Dekolonisationskriegen. Unvergessen der Spruch Ho Chi Minhs, der die Franzosen aus Vietnam vertrieb:
„Ihr könnt zehn von uns töten und wir nur einen von euch. Dennoch werden wir gewinnen. Denn: Wir bleiben, ihr nicht.“
Die Amerikaner, die 1975 aus Südvietnam flüchteten, haben es auch nicht besser gemacht. Regimeerhalt, wie damals in Saigon, ist der kaum bessere Bruder des Regimewechsels. Beide geben kein vitales Ziel her, das die endlosen Kosten lohnen würde. Dann trollen sich die Eindringlinge irgendwann wieder; sie verlieren bloß das Gesicht, nichts Existenzielles und die Einheimischen obsiegen trotzdem.
Siegen werden aber viel eher machtlüsternde, waffenstrotzende und fundamentalistische Clanchefs, Anarchisten oder Marionetten ausländischer Autokraten, als friedliebende Demokraten.
Auch im heutigen Iran wäre Regime Change kein realistisches Geschäftsmodell im Vergleich zu handfesten strategischen Interessen. Für Israel ist der Iran eine existenzielle Gefahr. Folglich wird es eigene Opfer verkraften, um den Angstgegner zu schlagen und sein Atompotenzial zu demontieren. Aber Israels Armee als Demokratie-Lehrer in Teheran? Eine schlechtere Idee kann man sich kaum vorstellen.
Als Krieger genießt Israel den stillen Zuspruch der Europäer und Araber. Kanzler Merz gibt sogar zu: „Das ist die Drecksarbeit, die Israel für uns alle macht.“ Und: „Wir haben es hier mit einem Terrorregime zu tun.“ Gut, wenn das Regime fiele.
Her mit einem neuen. Aber wer wollte sich die endlose erzieherische „Drecksarbeit“ aufladen. Bestimmt nicht die friedensbewegten Deutschen – auch nicht Paris, London oder Washington, die zwar das Kriegshandwerk nicht verlernt haben, aber genügend mit sich selbst zu tun haben und ihre beschränkten Mittel für ihre eigenen Probleme aufheben.
Zum einen: Am Iran, mit seiner jahrtausendealten Geschichte, die von totalitären Regimen geprägt ist, könnten sich alle die Zähne ausbeißen. Die Freiheit konnte im Reich der Xerxes und Darius nie Wurzeln schlagen. Der iranische Oxford-Historiker Homa Katouzian resümiert: Es gab „keine Rechte außerhalb des Staates“, die Herrschaft ruhte auf der totalen Macht. Nicht anders in der heutigen „Islamischen Republik“.
Zweites Warnsignal: Wie anderswo in Nahost, außer Ägypten, ist der Iran kein Nationalstaat, sondern ein Völkergemisch: Perser, Kurden, Azeri, Araber, Balutschen und so weiter. Es ist „Balkanistan“, so der US-iranische Autor Sohrab Ahmari. Es fehlt die nationale Solidarität, die den Staat zusammenhält. Zerbricht die Klammer eines eisernen Regimes, ergreifen die Ethnien ihre Chance, um in den Trümmern ihre eigenen Gebilde aufzubauen, die nicht der Demokratie dienen, sondern Andersdenkende gnadenlos unterdrücken. Und … wer Macht gewaltsam erringt, gibt die freiwillig nicht wieder her.
Drittens: Der Aufruhr zieht Gewaltherrscher von außen an. Wie den irakischen Killer Saddam Hussein, der in den Revolutionswirren nach der Mullah-Machtergreifung 1979 den Iran zu zerlegen suchte. Dennoch brachte das keinen Gewinn für die inneren Feinde. Selbst mitten im existenziellen Achtjährigen Krieg (1980 bis 1988) nahm der „Höchste Führer“ Ayatollah Khomeini die Opposition ins Visier; nach dem Patt zerschlug er sie grausam. Heute gibt es keine mehr. Deren letzter Versuch im „Persischer Frühling“ 2009 starb in der Repression.
Wer also heute den Regimewechsel von außen predigt, fände keine Verbündeten in Mullah-Land. Wem sollte man auch die Macht auch zuteilen, um dem Iran auf die Beine zu helfen und die Demokratie zu installieren? Folglich müssten die Invasoren, ohne zeitliche Perspektive für ein Ende der Operation, Besatzer bleiben.
Wie gut das funktioniert, zeigt die vergebliche Liebesmüh der Amerikaner im Irak nach 2003 und in Afghanistan nach dem Einmarsch 2001.
Eine offene Zerschlagung des Iran nach dem Motto: „Hauptsache, das fürchterliche Regime ist weg, das die eigenen Leute terrorisiert und die Nachbarn kujoniert ist weg.“ ist schon gar keine Alternative für die Befriedung des Iran oder der Region.
Wo ein solcher Staat enthauptet wird, geschieht bekanntlich zweierlei. Einmal der Kampf aller gegen alle, in dem die Brutalsten und Bestgerüsteten obsiegen, nicht die Gutmenschen und Liberalen. Dann müsste man ja erneut intervenieren?
Zum zweiten: Ein orientierungsloser Iran, mitsamt seinem Ölreichtum und seiner strategischen Position in der Straße von Hormus (durch die 30 Prozent des Ölhandels fließen), würde zum Spielball der Mächte. Russen, Chinesen und Saudis fühlten sich geradezu aufgerufen ihre eigenen Interessen zur Geltung zu bringen. Alles wahrlich keine zimperlichen Chorknaben oder Garanten einer Demokratie.
Der Philosoph Karl Popper doziert: „Jede Lösung eines Problems schafft neue“, gar schlimmere. Das ist die Lehre aus allen gescheiterten Interventionen seit den gelungenen Experimenten in Deutschland und Japan nach 1945. Deren Bedingungen lassen sich nicht duplizieren. Wer die Fehlschläge von gestern beherzigt, weiß: Moralisches Wollen setzt praktisches Können voraus.
Werden die Mullahs von außen gestürzt, ist der Einsatz einer Besatzungsmacht unvermeidlich! Wer wollte diese stellen?
