Trump, die AfD und der Dunning-Kruger-Effekt
Die Sozialpsychologen David Dunning, heute an der Univerisity of Michigan und Justin Kruger von der New York University sind Namensgeber des Dunning-Kruger-Effekts, den sie erstmals 1999 in einer Veröffentlichung beschrieben.
Demnach überschätzt man sein Wissen in Fachbereichen ohne eigene Expertise am deutlichsten. Da wir alle diese „Schwachstellen“ haben, werden wir auch irgendwann alle diesem Effekt unterliegen. Das Dumme daran ist, dass man das selbst nur schwer erkennen kann, denn um zu wissen, dass man nichts weiß, muss man etwas wissen!
Ein Grund dafür, dass wir in Zeiten der Corona-Epidemie plötzlich alle eine begründete Meinung zu den Vorgängen hatten und sich die selbsternannten Experten überall vehement zu Wort meldeten und die Gesellschaft polarisierten.
Diese Experten haben den eigentlichen Hintergrund dieses Effektes nicht verstanden und einen unzulässigen Wissenschaftsbegriff. Man beherrscht eine Wissenschaft nämlich erst dann, wenn man erkennt, dass ein Wissensstand nie abschließend sein kann. Man muss bereit sein, seinen Standpunkt in Frage stellen zu lassen und sich zu verbessern, Vorgehensweisen zu verändern und lernen für welche Fehler man anfällig ist.
Weiterhin ist zu beachten, dass wir zu einem motivierten Denken neigen. Menschen haben ein großes Repertoire an kreativen Methoden, um zu Schlussfolgerungen zu gelangen, die ihnen genehm sind und gegensätzliche zu verwerfen oder erst gar nicht wahrzunehmen. Forschungen haben gezeigt, dass das sogar bis auf die visuelle Wahrnehmung durchschlägt. So erscheint einem eine anmutig dargestellte Praline physisch näher als eine mit gleichen Inhalten, aber in Form eines Kothaufens. Die Täuschungsmanöver und eigenständigen Interpretationen des Gehirns kennen kaum Grenzen.
Daraus folgt eigentlich zwingend, dass wir nur von denen lernen können, die nicht unserer Meinung sind, aber es zieht uns immer wieder nur zu denen, die gleicher Meinung sind.
Wir haben in der Entwicklung unseres Gesellschaftslebens Regeln aufgestellt, an die sich die Individuen dieser Gesellschaft in der Regel halten. Man vertraut darauf, dass Regeln eingehalten werden, anderenfalls käme das gesellschaftliche Leben zum Erliegen. Ich kann mich nicht immer Fragen, ob der Fahrer des entgegenkommenden Fahrzeuges tatsächlich regelorientiert verhält. Sonst müsste ich bei jeder Begegnung anhalten und abwarten, wie sich der Gegenüber verhält. Unsere Gesellschaft basiert auf diesem Vertrauen.
Leider hat das in den neueren gesellschaftlichen Bereichen, den (sozialen) Medien, noch nicht Fuß gefasst. Wir interagieren nicht, wie im täglichen Leben, sondern posten und reposten asynchron. Die Regeln des Miteinanders sind außer Kraft gesetzt.
Möglicherweise sind diese aber auch durch ihre Anonymität schlechter dafür geeignet. Unsere Erwartung, nicht ständig angelogen zu werden, wird hier auf sträflichste missachtet und hinterlässt bei uns Desorientierung, führt zu Aggressionen und Misstrauen. Wir kennen ähnliche Entwicklungen aus der Einführung der Telegrafie oder Telefonie.
Für neue Medien müssen neue Regeln vereinbart und überwacht werden!
Daraus folgt insgesamt, dass wir, solange sich jeder zu Dingen äußern kann, von denen er nichts versteht, das dann auch noch vehement vorträgt, wir aber kein allgemein anerkanntes Korrektiv haben, dafür dann ein veritables Problem haben.
Leider geht der Zug, angetrieben durch die amerikanische Lokomotive, derzeit in die entgegengesetzt Richtung. Ein Dilemma!
Es täte uns gut, uns den Gedanken des evolutionären Humanismus mehr zu öffnen als denen des evangelikalen Konservatismus, wie u.a. Trump ihn autokratisch vertritt und allen Volksverführern mit ihren einfachen Lösungen (z.B. AfD) für komplexe Probleme mit mehr Misstrauen entgegenzutreten. Denn sie haben alle Wissenslücken, die bei jeder Gegenüberstellung zu Tage treten und können damit nicht umgehen! Sie treten alle in die Falle des Dunning-Kruger-Effektes.
(Quelle: Gehirn & Geist, Nr. 14, 10_2025)
