Religionen …und was sie nicht sind!

Eine lesens- und bedenkenswerte Einordnung der kirchlichen Missbrauchsfälle von
Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster.

Das kann allerdings überhaupt nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kirchen ein besonderes Vertrauensverhältnis brutal missbraucht und ausgenutzt haben. Insbesondere die Vertuschung und Strafvereitelung kirchlicher Institutionen disqualifizieren diese als ethische Instanzen!

Die Gewalt von Männlichkeiten

Die Befunde der EKD legen nahe: das Zölibat wird überschätzt, wenn es um eine Erklärung des sexuellen Missbrauchs von Heranwachsenden geht. Von Detlef Pollack

Das sind erschütternde Details, wie sie in der unlängst vorgestellten Missbrauchsstudie der evangelischen Kirche (EKD) zutage getreten sind (siehe F.A.Z. vom 25. Januar). Das Problem der sexualisierten Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen in der evangelischen Kirche ist wahrscheinlich ähnlich hoch wie in der katholischen Kirche. Allerdings ist die Zahlengrundlage der EKD-Studie mit der sogenannten MHG-Studie der katholischen Kirche von 2018 nicht direkt vergleichbar. Die MHG-Studie untersucht für den Zeitraum von 1946 bis 2014 die Missbrauchsfälle unter den Priestern, Ordensleuten und Diakonen und kommt auf der Grundlage von mehr als 38.000 ausgewerteten Personalakten zu 1.670 beschuldigten Klerikern. In die ForuM-Studie der EKD sind neben Pfarrerinnen und Pfarrern auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der evangelischen Kirche und der Diakone sowie Ehrenamtliche einbezogen. Ausgewertet wurden jedoch im Wesentlichen nur die Disziplinarakten. Auf der Basis dieser Quellen identifiziert die Studie 1.259 Beschuldigte, unter ihnen 511 Pfarrerinnen und Pfarrer. In einer von den 20 Landeskirchen lagen außer den Disziplinarakten auch die Personalakten vor.
Die Hochrechnung, die auf dieser selektiven Grundlage vorgenommen werden konnte, erbrachte das mit Vorbehalten zu versehende Ergebnis, dass für den Zeitraum von 1946 bis 2018 für den Gesamtbereich der evangelischen Kirche wohl von 1.402 beschuldigten Geistlichen auszugehen ist. Das ist die Zahl, die einen Vergleich mit der katholischen Kirche erlaubt. Nimmt man sie ernst, kommt man zu dem überraschenden Ergebnis, dass der Missbrauch unter den Geistlichen in der katholischen und in der evangelischen Kirche in
etwa das gleiche Ausmaß hat.

Unter kirchensoziologischen Aspekten war dieses Ergebnis durchaus nicht zu erwarten, denn die Strukturen der beiden Kirchen sind grundverschieden. Die evangelische Kirche ist demokratisch verfasst. Fast alle Leitungsämter, von der Bischöfin bis zum Präses der Synoden, werden demokratisch gewählt, die Hierarchien sind flach, weithin herrscht ein kollegiales Verhältnis zwischen den Hauptamtlichen vor, man versteht sich als Gemeinschaft, seit 1972 haben Frauen Zugang zu allen geistlichen Ämtern. Das ist bekanntlich in der katholischen Kirche mit ihrer männlich dominierten klerikalen Machthierarchie anders. Die gängige Behauptung, der Missbrauch sei ein Ausdruck der klerikalen Machthierarchie in der katholischen Kirche, muss also überdacht werden. Wie viele Studien zeigen, besteht eine Korrelation zwischen der Wahrscheinlichkeit des Auftretens sexualisierter Gewalt und der Einbindung der Betroffenen in Abhängigkeitsverhältnisse. Die gibt es offenbar in demokratischen und in nichtdemokratischen Machtstrukturen.

Drei Viertel der Beschuldigten, so ein weiteres Ergebnis der ForuM-Studie, waren zum Zeitpunkt der Ersttat verheiratet. Der Zölibat wird folglich überschätzt, wenn es um eine Erklärung des sexuellen Missbrauchs von Heranwachsenden geht. Er mag eine Rolle spielen. Der alleinige oder auch nur der vorrangige Grund ist er nicht.

Etwas anderes ist erst auf den zweiten Blick erstaunlich: den Recherchen der ForuM-Studie zufolge sind 99,6 Prozent der Beschuldigten männlich. In der MHG-Studie ließen sich Geschlechterdifferenzen nicht erheben, da nur Geistliche einbezogen waren. Die ForuM-Studie zeigt: der Missbrauch ist ein reines Männlichkeitsphänomen und insofern nicht allein ein kirchliches Problem, sondern ein Problem der gesamten Gesellschaft. Nicht schon die Wahrnehmung einer geistlichen Funktion in der Kirche bedingt den Missbrauch. Wichtiger ist das Sexualverhalten der Männer. Die zutage getretene Geschlechterdifferenz spielt in der Kirche eine Rolle, aber natürlich auch in jedem anderen Bereich der Gesellschaft, in dem es Erwachsene mit Heranwachsenden zu tun haben, in der Familie, der Schule, im Kindergarten, im Sportverein, in Internaten und Heimen, im Jugendchor.

So paradox es klingen mag: die Kirchen sind aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit für die bekannt gewordenen Fälle mit ihren groß angelegten und kostenintensiven Studien – der EKD hat für die ForuM-studie 3,6 Millionen Euro bezahlt – bei der Aufarbeitung des sexualisierten Kindes- und Jugendmissbrauchs vorangegangen und haben etwas getan, was für andere Bereiche weitgehend noch aussteht. Sie haben das freilich nicht nur aus eigenem Antrieb getan. Die hohen moralischen Standards der Kirche haben das mediale Interesse an den Missbrauchsfällen in der Kirche befeuert, denn der Nachrichtenwert steigt mit der journalistisch ausgemessenen Fallhöhe. Darauf und auch auf das Drängen der Betroffen haben die Kirchen reagiert.

Die Macher der Studien untersuchten auch den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext der Missbrauchsfälle und verglichen in diesem Zusammenhang die Verhältnisse in der früheren DDR mit denen in der alten Bundesrepublik. Dabei stießen sie auf keine signifikanten Differenzen. Das ist ebenfalls eine Überraschung, denn die Täter fallen ja nicht vom Himmel und steigen auch nicht aus der Hölle auf, sondern sind sozial geprägt. Auch wenn der Befund vor allem vor dem Hintergrund der bekannten Gewaltförmigkeit der autoritären Systembedingungen in der DDR noch einmal geprüft werden muss, so ist er doch bedenkenswert. Er entspricht der oben bereits gemachten Beobachtung, dass die Missbrauchsfälle nicht einfach auf infrastrukturelle Machtverhältnisse zurückgeführt werden können.

Wichtiger als der soziale Kontext, so fanden die Forschenden heraus, seien die jeweiligen Handlungsmechanismen und Handlungskonstellationen, unter denen sie sich ereignen. Ein antiautoritäres Verhältnis zwischen den Geistlichen und den Jugendlichen könne sexuellen Missbrauch ebenso befördern wie ein autoritäres Verhältnis. Gerade dort, wo sich rhetorisch begabte Geistliche aus ihren Dienstrollen herausbewegen, wo sich formales Amtsverständnis und informelle Privatheit vermischen, wo die verantwortlichen Erwachsenen eine besondere Nähe und Vertrautheit zu den Jugendlichen aufbauen, sei es für diese schwer, Grenzen zu ziehen, ja, Grenzverletzungen überhaupt zu erkennen. Suf einmal befindet sich beim Versteckenspielen in der dunklen Kirche die Hand des Diakons an einer Stelle, wo sie nichts zu suchen hat.

Kirche ist nicht nur durch Machtstrukturen, sondern auch durch ein „Milieu der Geschwisterlichkeit“, wie es die Forschenden genannt habe, charakterisiert. So wichtig es für Jugendliche in der Phase der Selbstfindung ist, wenn sie in den Räumen der Kirche nach Anerkennung suchen, dass sie informelle Nahbeziehungen erleben, so sehr können diese zum Problem werden. Man muss hier die Stärken und Schwächen der Kirche zusammendenken. Erforderlich ist aber auch, die Zahlenbasis zu verbessern. Warum es nicht gelungen ist, wie bei der katholischen Kirche die genaue Zahl der Beschuldigten auf der Grundlage der Personalakten zu erheben und stattdessen nur eine Hochrechnung vorgelegt werden konnte, ist bisher nicht transparent gemacht worden. Das ist irritierend. Die Macher der Studie sprachen von schleppender Bereitstellung durch die Kirchenämter, bestritten aber, dass diese an einer mangelnden Bereitschaft gelegen hätte. Spielten hier vielleicht Datenschutzbestimmungen eine Rolle, die in der evangelischen Kirche womöglich strenger gehandhabt werden als in der katholischen? Oder personelle Engpässe?

Außerdem fehlen Angaben zu den historischen Veränderungen der Zahl der Beschuldigten. Historisierung wurde lediglich als eine Form der Externalisierung von Verantwortlichkeiten ausgemacht. Ob in letzter Zeit weniger Missbrauchsfälle aufgetreten sind, wäre aber schon von Interesse. Eine rückläufige Täterquote würde unter anderem auf den Einfluss des gesellschaftlichen Meinungsklimas hinweisen und könnte mit dazu beitragen, wichtige Kontextfaktoren, die neben Handlungsmechanismen selbstverständlich auch von
Bedeutung sind, aufzuhellen.

Bei einer historischen Kontextualisierung würde auch die gesamtgesellschaftliche Dimension des Problems deutlicher hervortreten. Es wäre viel zu einfach, lediglich der verbreiteten Kirchenkritik (und dem wachsenden Kirchenhass) zu folgen und die Sache ansonsten auf sich beruhen zu lassen. Denn richtig ist auch: 85 Prozent der in der Kirche ehrenamtlich Engagierten sagen einer anderen Studie zufolge, dass in der Kirche ein wertschätzender Umgang miteinander herrsche. Die Kirchen sind ein Hort der Zivilgesellschaft; kirchlich gebundene Menschen neigen weit eher dazu, sich ehrenamtlich zu engagieren; Kirchen setzen sich für alte, Kranke, Behinderte ein, diskutieren Werte, bieten anerkennung und Solidarität – also vieles von dem, was unsere krisengeschüttelte Gesellschaft braucht.

Die sozialwissenschaftliche Analyse des komplexen Verhältnisses von sexualisierten Männlichkeitsphantasien, charismatischer „Pastoralmacht“ (Foucault), informeller Vertrautheit und autoritären Machtstrukturen, das in den Kirchen anzutreffen ist, muss weitergeführt werden und kann uns helfen, die zugrunde liegenden Zusammenhänge sexualisierter Gewalt genauer zu verstehen. Vielleicht sind die Kirchen mit ihren Studien in der Lage, einen gesamtgesellschaftlichen Anstoß zu geben, wie unsere Gesellschaft mit männlicher Macht umgeht und wie sie die besondere Verletzlichkeit von Kindern und Jugendlichen besser schützen kann.

Detlef Pollack ist Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster
Quelle: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG · Nr. 28 · FREITAG, 2. FEBRUAR 2024 · SEITE 13