Religionen … Fortführung_1

Religion wird spätestens dann gefährlich, wenn sie von Agitatoren oder Fundamentalisten instrumentalisiert wird

Als religiöser und spiritueller Höhepunkt des christlichen Jahres hat Ostern nur noch für die wenigsten eine größere Bedeutung. Für die meisten ist es die erweiterte Abwechslung vom Alltag: die Familie oder Freunde treffen, Hobbys pflegen, sich Ruhe gönnen. (1)
Den Kirchen laufen die Mitglieder weg, und dieser Trend sieht ziemlich unumkehrbar aus. Jedenfalls bestimmt Kirchlichkeit immer weniger das Alltagsleben der Menschen. Obwohl die Gesellschaft anscheinend nicht komplett auf Transzendenz verzichten will oder kann. Entsprechende Angebote unterschiedlichster Anbieter und Ausrichtung werden offensichtlich genügend nachgefragt.

Geht man durch die Städte, stehen dort zwar immer noch Kirchen in all ihrer äußeren Pracht, im Innersten wirken sie aber nur noch wenig „belebt“. Die religiösen Akteure der Kirchen sind hingegen noch sehr präsent: Sie sitzen in Rundfunk-, Ethikräten und vielen anderen gesellschaftlichen Gremien. Sie äußern sich zu nahezu jedem öffentlichen Diskurs. Auch jenseits des Institutionellen ist der lange Arm der Kirchen immer noch in der gesamten kulturellen Prägung unserer Gesellschaft manifestiert. Hier ist die gesellschaftliche Realität des Rückgangs der Kirchenbindung und des damit verbundenen Bedeutungsverlustes, der nach kirchlichen Vorstellungen geprägten Meinungsbildung, noch nicht angekommen.

Dem kirchlichen Leben entlehnte Antworten auf Grenzfragen des Lebens begegnet man daher immer noch auf Schritt und Tritt. Für Schuld, Tod, Vergänglichkeit und Sinn es Lebens entlehnen viele Meinungsbilder immer noch die Inhalte aus dem klerikalen Fundus, obwohl Wissenschaft und Philosophie bereits vieles davon entzaubert hat. Insbesondere Politiker scheinen diesem reaktionären Gedankengut immer noch zu erliegen, wenn sie sich wie selbstverständlich für Kirchentage einspannen lassen oder klerikal geprägtem Gedankengut Vorschub leisten.
Das Religiöse kommt darüber hinaus immer dann ins Spiel, wenn Menschen etwas zur Sprache bringen wollen, was sie anders nicht erklären können. Wenn Menschen z.B. bei Krankheit, Krieg und Tot an ihre Grenzen kommen, verwischt sich das Bild und der zunächst sehr verständliche Wunsch nach einer heilen Welt bricht sich dann unvermittelt Bahn. Ebenso, wenn sich eine gewisse Leere im Leben ausbreitet. Der ehemals Schutz gebende Mantel einer christlich dominierten Gesellschaft, mit einem sicheren und sehr oft zutiefst dogmatisch unterlegten Platz für jeden, ist einer sehr aufwendigen individuellen Platzsuche eines jeden Individuums gewichen. Eine Aufgabe, der nicht jeder gleich gut gewachsen ist und dann ggf. dazu verführt doch wieder den einfacheren Weg zu gehen und transzendenten Unterschlupf zu suchen. Dahin, wo man die höchstpersönliche Verantwortung für sein Leben in kindlicher Verzweiflung, an eine ordnende Macht abgeben kann. Eine Macht, deren Reputation kaum angezweifelt wird, da sie göttlicher Natur ist. (2)

Aber zumindest in der westlichen Welt dominiert immer mehr der Wille, Grenzen und Unbekanntes zu erforschen und Wissen dem Glauben vorzuziehen. Wer einmal die Schönheit und Harmonie des Universums und die Genugtuung der Erkenntnis, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht und die Naturwissenschaften über der religiösen Vernebelung stehen, erfahren hat, der ist auch ohne Religion zutiefst zufrieden. Er weiß, dass es auch dort, wo er (noch) nicht genug weiß, irgendwann die Erkenntnis den Glauben besiegen wird.  

Darüber darf man aber nicht vergessen, dass Religionen auf viele Menschen eine starke Wirkung ausüben und viele Machtmenschen unter deren Mantel unheilvoll auf verunsicherte Menschen einwirken können. Wir erleben es immer wieder, dass die Wellen plötzlich hochschlagen. Egal ob im Islam, jüngst bei den Evangelikalen in den USA oder an anderen Stellen, überall wird die Kraft der Religionen für populistische Machtinteressen instrumentalisiert und Führungspersonen werden glorifiziert. (3)
Trump ist dafür das beste Beispiel. Er nennt sich in seiner eigenen Überheblichkeit einen Gesandten des Herrn, den die göttliche Vorsehung im vorigen Juli vor den Kugeln des Attentäters von Butler/Pennsylvania bewahrt hat. Spätestens, seitdem gibt es in den USA eine geradezu messianische Ikonografie um Trump, wo die Leute zusammen beten und man nicht genau weiß, wer nun eigentlich ihr Gott ist. Christlich gesprochen, ist das die pure Blasphemie. Aber das stört seine Anhänger wenig, genauso wenig wie seine ständigen Lügen, Verdrehungen von Tatsachen und Übertreibungen. Wahr ist in diesen Kreisen was nützlich ist. Hier schließt sich dann wieder der Kreis zur Religion.
Nicht umsonst werden auch Religionen als Ideologien gesehen. Die Nähe zum politischen Heroismus ist unübersehbar. Auch dort ist das Wort des Führers Gesetz und bedarf keiner Legitimation! (4)

Die Populisten dieser Welt spielen also genau auf diesen Saiten. Wenn „wir“ uns z.B. als „christliches Abendland“, Gemeinschaft der „orthodoxen Christen“ oder das von wem auch immer „auserwählte Volk“ hochstilisieren, dann müssen „wir“ uns nahezu zwingend auf Grund eines höheren Interesses gegen Migrationsbewegungen und vor allem gegen Andersgläubige schützen, abschotten und jedem klar zu verstehen geben, wer „zu uns“ gehört und vor allem … wer nicht! Im Extremfall legitimiert das auch zur Gewalt, zum Wegschauen und zum „billigenden in Kauf nehmen“ des Elends anderer Menschen. (4)
Deshalb gehen z.B. US-amerikanische Minister am Aschermittwoch mit einem Aschenkreuz auf der Stirn vor die Kamera. Andere posieren mit kirchlichen Würdenträgern oder auf religiösen Veranstaltungen, wie den Kirchentagen oder Eröffnungen von Moscheen. Das hat viel zu oft mit Religiosität am wenigsten zu tun. Das ist regelmäßig eine gezielte Instrumentalisierung religiöser Hintergründe, um eigene Interessen nach vorne zu treiben und Menschen durch Ansprache ihrer, der Logik entzogenen, Gefühlswelt zu manipulieren.

Man muss sich daher immer wieder Fragen, was in einer Gesellschaft passieren musste, um solchen Umtrieben Raum zu verschaffen. Sind Religiosität und Erhöhung populistischer Demagogen somit Gradmesser für gesellschaftliche Fehlleistungen? Mindestens sind die Fundamentalisten der Religionen (5) ebenso gefährlich wie deren politischen Pendants wie die Agitatoren Trump (6), Putin usw.!

 

Quelle:

(1) Soziologe Professor Armin Nassehi und Joachim Frank, KStA vom 17.04.25
(2) https://hpd.de/artikel/mehr-schaden-nutzen-durch-religion-15003
(3) https://www.menschenrechte.jugendnetz.de/fileadmin/Dokumente/Durchblick/Religioeser_Fundamentalismus.pdf
(4) https://www.zdf.de/nachrichten/wissen/trump-psychologie-terrax-lea-dohm-kolumne-100.html
(5) https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/gesellschaft-religion-ein-gott-viele-tote-wie-gefaehrlich-ist-religion
(6) https://www.tagesanzeiger.ch/religion-und-politik-wie-sehr-schaden-religionen-496621910635