Gedankenspiele 2

Zufrieden mit dem eigenen Leben

Man könnte manchmal den Eindruck gewinnen, dass nur wenige Menschen mit ihrem eigenen Leben zufrieden sind. Man hechelt Vorbildern nach, bauscht sein Leben hier und im Netz auf, verschlingt Bücher und Filme, die einem ein besseres Leben vorgaukeln, oder hängt kruden Gedanken nach wie: „Früher war alles besser.“

Dabei vergessen viele Menschen, dass sie nur dieses eine Leben haben und dieses in der Gegenwart und für die Zukunft nach bestem Können selbst gestalten müssen. Denn sonst tut es keiner.

Aber was ist das eigentlich: „zufrieden sein“?

Ich denke, dafür müssen einige Dinge einigermaßen in der Waage sein – möglicherweise mit unterschiedlichem Gewicht, je nach Lebenssituation, Alter und Persönlichkeit.

Zuversicht, Respekt, Lebenslust und soziale Verbundenheit gehören für mich dazu. Wer ständig eine bedrohliche Zukunft vor Augen hat, dürfte es schwerer haben, zufrieden zu leben. Wer seine Mitmenschen, deren Lebenseinstellungen und auch die eigenen Möglichkeiten und Grenzen nicht respektiert, wird vermutlich ebenfalls schwerer Zufriedenheit finden. Und wer überhaupt keine Freude am Leben im Hier und Jetzt empfindet, hat es schwer.

Vor allem darf man aber nicht unterschätzen, welchen Einfluss das soziale Umfeld auf die eigene Lebensführung haben kann. Die Zusammensetzung dieses Umfelds verändert sich im Laufe des Lebens – und damit häufig auch die Anforderungen, die es an uns stellt.

Ich glaube kaum, dass es ein allgemeingültiges Rezept für Zufriedenheit gibt. Meine folgenden Gedanken sind deshalb eine sehr subjektive Darstellung. Ich nehme allerdings an, dass manches davon auch für andere Menschen eine gewisse Gültigkeit haben könnte.

Man sollte ein paar Dinge klarstellen.

Dem nachzuhängen, was einmal gewesen ist, ist bestenfalls als Lehre dafür wichtig, zukünftig etwas besser zu machen, bleiben zu lassen oder fortzuführen. Das Vergangene ist unabänderlich gelebt. Egal, ob es einen freut oder leidtut.

Wir können nur noch die Gegenwart gestalten und Einfluss auf die Zukunft nehmen. Dabei gelten für mich zwei einfache Grundsätze:

  • Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!
  • Auch nichts zu tun, ist eine Form des Handelns.

Beides gestaltet unser Leben.

Alle guten Vorsätze können allerdings an Grenzen stoßen, wenn man in einem ungünstigen sozialen Umfeld aufwächst oder später hineingerät. Der Einfluss des Elternhauses, der Freunde und der Umgebung, in der man aufwächst, kann erheblich sein.

In meiner Erziehung waren zwei Leitsätze führend, die maßgeblich zu meiner Lebensführung und letztendlich auch zu meiner Zufriedenheit beigetragen haben:

  • Komm mir nicht mit der Polizei nach Hause!
  • Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!

Mein Umfeld in der Kindheit war „gutbürgerlich“, wenn auch nicht problemlos. Meine Freundeskreise wechselten stark – von relativ normal bis ziemlich extrem.

Als Kind der 50er-Jahre hatte ich viele Freiheiten. Wir durften eine Kindheit und Jugend erleben, die nicht von heutigen Sicherheitsgedanken und Verbotsregeln geprägt war. Es war sicherlich nicht alles gut, im Gegenteil. Aber wir mussten vieles selbst ausprobieren und lernten dadurch auch, selbstverantwortlich zu handeln.

Das mit der Polizei hat sich bei mir so eingebrannt, dass ich bei allem Blödsinn, den ich gemacht habe – und ich habe viel Blödsinn gemacht –, immer dann die Bremse gezogen habe, wenn es wirklich kritisch wurde. Andere, die diesem Grundsatz nicht folgten, hatten oft das Nachsehen – und manchmal nachhaltig.

Der andere Grundsatz öffnete mir allerdings ziemlich schnell die Augen dafür, dass da mit dem Gott etwas nicht stimmen konnte. Denn wenn ich mir bereits selbst geholfen hatte, wozu brauchte ich dann noch einen Gott, dem ich dafür dankbar sein sollte?

Der gesamte theoretische Hintergrund war mir ohnehin sehr suspekt. Geschichten vom Wandeln über das Wasser und anderes Übernatürliches überzeugten mich nicht. Somit verabschiedete ich mich zum frühestmöglichen Zeitpunkt aus der Gemeinschaft der Gläubigen und führte fortan ein verhältnismäßig selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben.

Das ist allerdings meine Geschichte und nicht zwingend die anderer Menschen. Man kann sein Leben selbstbestimmt und zufrieden mit Religion führen – oder ohne Religion. Für mich bedeutete die Distanz zur Religion und ihren Heilsversprechen allerdings, dass ich mich stärker selbst für mein Leben verantwortlich fühlte.

Damit gewannen Gedanken an Beruf, Partnerschaft und wirtschaftliche Grundlagen eine höhere Priorität, ohne dass der Spaß zu kurz kommen musste. Ich fühlte mich nicht durch religiöse Vorstellungen ausgebremst und fiel andererseits auch nicht in ein schwarzes Loch.

Zu wissen, dass einem niemand die Kartoffeln aus dem Feuer holt, dass man nach dem Hinfallen selbst wieder aufstehen muss, auch wenn es noch weh tut, und dass das Leben weitergeht, ohne dass am Ende irgendeine Erlösung auf einen wartet, kann stark machen.

Denn die Alternative ist blöd.

Ich glaube, dass dieser Gedanke auch für andere junge Menschen gelten kann.

In der Pubertät und den folgenden Jahren ist für junge Menschen vieles im Umschwung. Alles wird infrage gestellt, vieles glaubt man besser zu wissen und anderes ist einem schlicht egal. Dabei wird oft übersehen, dass man auch in jungen Jahren schon Entscheidungen treffen kann, die später einmal Folgen haben.

Man will leben und möglichst wenig an eine ungewisse Zukunft denken. Und tatsächlich fühlt man sich in jungen Jahren häufig nahezu unsterblich.

Wer jedoch ein wenig Weitsicht besitzt, beginnt irgendwann, auch zukunftsorientiert zu handeln. Nicht jedes Glas muss ausgetrunken, nicht jede Nacht durchtanzt und nicht jeder Gedanke an eine lebenswerte Zukunft verdrängt werden.

Mein soziales Umfeld verlangte allerdings Anpassung, zu der ich in weiten Teilen nicht in der Lage war – und zwar in alle Richtungen. Brav ging gar nicht, exzessiv aber ebenso wenig.

Somit gehörte ich nirgendwo so richtig dazu und musste mich immer wieder neu positionieren und behaupten. Das war einerseits eine Belastung, andererseits trug es erheblich zur Herausbildung meines Willens und meiner Persönlichkeit bei.

Vielleicht ist genau das eine der Lektionen des Erwachsenwerdens: Man muss nicht überall dazugehören.

Wenn man akzeptiert, dass das Leben endlich ist und jeder gelebte Tag unwiederbringlich vorbei ist, kann sich der Blick auf die Gegenwart verändern. Man selbst trägt Verantwortung für seine Entscheidungen, seine Freuden und auch für manches seiner Sorgen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder sein Leben vollständig selbst bestimmen kann. Krankheit, Unfall, soziale Herkunft, wirtschaftliche Verhältnisse und andere Schicksalsschläge können Handlungsmöglichkeiten erheblich einschränken.

Aber innerhalb dieser Grenzen bleibt häufig mehr Gestaltungsspielraum, als man zunächst glaubt.

Wenn man alles dafür getan hat, seine Ziele zu erreichen, kann man auch besser damit leben, wenn einem vielleicht auf halber Strecke die Puste ausgeht.

Andererseits muss man niemandem danken, wenn man erfolgreich gewesen ist. Man darf den Erfolg durchaus auf der eigenen Habenseite verbuchen – auch wenn dabei fast immer andere Menschen, günstige Umstände und ein Quäntchen Glück eine Rolle spielen.

Nicht jeder kann oder will Bankdirektor werden. Vielleicht hat man andere Ziele, andere Interessen oder andere Voraussetzungen. Vielleicht bekommt man bestimmte Chancen auch schlicht nicht.

Aber man glaubt manchmal gar nicht, was alles möglich wird, wenn man ein Ziel wirklich verfolgt.

Man kann ohne geradlinigen Bildungsweg über den zweiten Bildungsweg zum Abitur kommen. Man kann sein soziales Umfeld verändern. Man kann in einem erlernten Beruf aufsteigen. Man kann, wenn man frühzeitig anfängt und regelmäßig spart, mit vergleichsweise kleinen Beträgen Vermögen aufbauen.

Man kann aber auch darauf verzichten und ein möglichst sorgloses Leben im Hier und Jetzt führen, weil einem die Zukunft zu unbedeutend oder zu weit entfernt erscheint.

Beides sind Lebensentscheidungen.

Man darf sich später allerdings nicht darüber wundern, wenn die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen. Wer heute andere Prioritäten setzt als jemand anderes, muss damit rechnen, dass beide später an unterschiedlichen Punkten stehen.

Man kann Menschen finden, die Unterstützung geben, die eigenen Interessen teilen und eine ähnliche Lebenseinstellung haben. Ebenso kann man Menschen begegnen, die einem Erfolg neiden oder eigenes Scheitern in Aggression verwandeln.

Manche sind Lebensabschnittsgefährten, mit manchen verbindet man sich länger. Auch das gehört zum Leben.

Mit etwas Fortune geht fast alles.

Ich würde zwischen Glück und dem unterscheiden, was ich hier einmal „Fortune“ nennen möchte.

Glück fällt einem gewissermaßen in den Schoß, wenn man es hat. Fortune dagegen setzt für mich voraus, dass man vorbereitet ist, eine Chance erkennt und sie im richtigen Moment auch nutzen kann. Dazu gehören Fleiß, Durchhaltevermögen, eine gewisse Risikobereitschaft und manchmal schlicht das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Anstrengend ist das allemal. Und einfach ist es auch nicht.

Oft geschieht es zudem unter dem misstrauischen Blick der Altersgenossen oder des sonstigen Umfelds, weil man etwas anders macht. Hier kann die Peergroup manchmal unbarmherzig sein. Gerade in jungen Jahren kann der Wunsch, dazuzugehören, erheblichen Einfluss auf Entscheidungen haben.

Wer bestimmte berufliche Ziele verfolgt, muss deshalb auch bereit sein, seine Entscheidungen frühzeitig daran auszurichten. Nicht jede Entscheidung passt zu jedem Ziel.

Aber Vorsicht: Weder Bankdirektor noch Lebemann ist etwas für jeden – und schon gar kein Persilschein für Zufriedenheit.

Das muss jeder für sich selbst herausfinden.

Selbstverantwortung ist manchmal nicht leicht. Alles einem Gott, dem Pech oder den Umständen in die Schuhe zu schieben, kann leichter sein. Die Last der Selbstverantwortung kann sogar zu schwer werden.

Niemand hat gesagt, dass Lebensbewältigung leicht sein muss.

Und Zufriedenheit gibt es nicht zum Nulltarif.

Aber Zufriedenheit gibt es ebenso mit Gott, ohne Mammon, jenseits von Konsum und seinen Versprechungen. Auch hier muss jeder seinen eigenen Weg finden und für ihn Verantwortung übernehmen.

Es gibt natürlich auch etliche Ausbremser.

Wer in die falsche Gesellschaft gerät, einen schweren Unfall erleidet, krank wird oder andere Schicksalsschläge erlebt, hat es schwerer. Manchmal werden die Möglichkeiten zur eigenen Lebensgestaltung sogar drastisch eingeschränkt.

Und trotzdem gibt es Menschen, die auch unter schwierigen Bedingungen Zufriedenheit finden.

Das zeigt zugleich, dass Zufriedenheit nicht allein von den äußeren Umständen abhängt.

Irgendwann kommt im Leben vielleicht der Punkt, an dem die großen Entscheidungen getroffen sind und man sehen kann, was aus den eigenen Möglichkeiten geworden ist. Dann könnte sich Zufriedenheit einstellen.

Aber auch das geschieht nicht automatisch.

Jeder auf einem anderen Niveau. Genau dort, wo er – unter den Bedingungen, die ihm das Leben mitgegeben hat – durch seine eigenen Entscheidungen und Möglichkeiten hingekommen ist.

Wer ständig nur auf das vermeintlich „schöne Leben“ der anderen blickt, macht sich das eigene Leben unnötig schwer.

Zufriedenheit zu erreichen ist nicht immer einfach.

Aber sie ist möglich.

Und wenn man sie erreicht hat?

Genial.