Musik – und was sie mit uns macht
Ich sitze unter meinem Kopfhörer und genieße meine Musik. Gerade läuft A Fake You Won’t Make You Free von Ulrich Jannert. Und sobald der Refrain einsetzt, bekomme ich Gänsehaut und mich durchzieht ein Wohlbefinden.
Dann kommt irgendwann der Augenblick, in dem ich aus meiner Klangwelt auftauche und mich verwundert frage: Was zum Teufel finden die Menschen an einer Amboss-Polka so toll? In mir löst das regelmäßig nur Fluchtinstinkte aus.
Ich brauche meinen Klangteppich, der mich durch den Tag begleitet, und scheue die Grabesstille, in der jedes Wort hohl nachklingt.
Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl. Vielleicht aber auch überhaupt nicht. Vielleicht gehört Ihre Stereoanlage längst zu den verstaubten Erinnerungsstücken vergangener Jahrzehnte und Stille ist für Sie keine Leere, sondern Erholung.
Genau das macht Musik so faszinierend: Sie ist universell – und wirkt doch auf jeden Menschen vollkommen anders.
Wie kann das sein?
Warum berührt dieselbe Musik den einen bis ins Innerste, während sie beim anderen bestenfalls ein Schulterzucken und schlimmstenfalls den Wunsch hervorruft, den Raum zu verlassen?
Die Wissenschaft liefert darauf erstaunlich viele Antworten.
Die Bonner Neurowissenschaft liefert dafür ein schönes Bild. Der Neurologe und Dirigent Theodor Rüber bezeichnet Musik als ein „neuronales Feuerwerk“. Tatsächlich werden beim Musikhören gleichzeitig das Hörzentrum, das Belohnungssystem, das emotionale Zentrum der Amygdala und der Hippocampus aktiviert, in dem Erinnerungen gespeichert werden. Hinzu kommen Botenstoffe wie Dopamin und Oxytocin, die Wohlbefinden, Motivation und soziale Verbundenheit fördern. Musik ist damit weit mehr als Schall. Sie ist ein Ereignis, das nahezu das gesamte Gehirn beschäftigt.
Musik – älter als Sprache?
Musik ist keine kulturelle Nebensache. Sie begleitet den Menschen vermutlich seit Zehntausenden von Jahren. Charles Darwin vermutete bereits 1871, dass unsere frühen Vorfahren lange vor der eigentlichen Sprache rhythmische und melodische Lautfolgen nutzten, um Gefühle auszudrücken und soziale Bindungen aufzubauen.
Heute greifen Evolutionsforscher diese Idee wieder auf. Besonders Steven Mithen entwickelte die sogenannte Musilanguage-Theorie. Danach gingen Sprache und Musik ursprünglich auf ein gemeinsames Kommunikationssystem zurück. Erst im Verlauf der Evolution trennten sich ihre Aufgaben. Sprache entwickelte sich zum Werkzeug für Information und Logik, Musik blieb das Medium für Gefühle, Gemeinschaft und soziale Bindung.
Dass diese Vorstellung durchaus plausibel ist, erleben wir bis heute. Niemand spricht mit einem Säugling wie mit einem Erwachsenen. Eltern verwenden automatisch höhere Tonlagen, übertriebene Melodien und einen rhythmischen Sprachfluss. Diese sogenannte Ammensprache vermittelt Emotionen lange bevor ein Kind einzelne Wörter versteht.
Wie alt Musik tatsächlich ist, zeigen spektakuläre Funde aus der Schwäbischen Alb. Dort wurden über 40.000 Jahre alte Flöten aus Mammutelfenbein und Knochen entdeckt. Sie besitzen bereits sorgfältig angeordnete Tonlöcher und belegen, dass Musik zu den ältesten kulturellen Leistungen des Menschen gehört – älter als viele Höhlenmalereien und lange vor der Sesshaftigkeit entstanden.
Musik ist also keineswegs ein Luxus unserer Zivilisation. Sie gehört vermutlich seit Anbeginn zum Menschsein.
Was Musik mit unserem Gehirn macht
Doch weshalb kann Musik körperlich so intensiv wirken?
Moderne Hirnforschung zeigt, dass Musik nahezu das gesamte Gehirn aktiviert. Besonders das Belohnungssystem reagiert ausgesprochen sensibel auf musikalische Reize.
Die Neurowissenschaftler Valorie Salimpoor und Robert Zatorre konnten 2011 zeigen, dass bei besonders bewegenden musikalischen Momenten Dopamin ausgeschüttet wird – derselbe Botenstoff, der auch bei Essen, Nähe oder anderen als lohnend empfundenen Erfahrungen eine wichtige Rolle spielt.
Bemerkenswert ist, dass diese Ausschüttung bereits einige Sekunden vor dem eigentlichen Höhepunkt beginnt. Unser Gehirn freut sich gewissermaßen auf den kommenden Refrain oder den harmonischen Umschwung. Wenn dieser schließlich eintritt, erleben viele Menschen genau das, was ich eingangs beschrieben habe: Gänsehaut.
Musik spricht dabei nicht nur unser Gehör an. Sie aktiviert Erinnerungen, Gefühle und Erwartungen gleichzeitig.
Ebenso erstaunlich ist ein anderes Phänomen. Viele Menschen hören gerade dann traurige Musik, wenn sie traurig sind. Eigentlich müsste sie die Stimmung verschlechtern. Häufig geschieht jedoch das Gegenteil.
Der Musikwissenschaftler David Huron vermutet, dass melancholische Musik hormonelle Prozesse aktiviert, die beruhigend und tröstend wirken. Seine Prolaktin-Hypothese wird wissenschaftlich noch diskutiert, doch unabhängig davon zeigen zahlreiche Untersuchungen, dass Musik helfen kann, belastende Gefühle zu verarbeiten und das emotionale Gleichgewicht wiederzufinden.
Musik wird dadurch zu einem sicheren Ort für starke Emotionen.
Warum wir nicht alle dieselbe Musik lieben
Bleibt die Frage, weshalb Musikgeschmäcker so unterschiedlich sind.
Unser Gehirn arbeitet ständig mit Vorhersagen. Es versucht permanent abzuschätzen, welcher Ton oder welcher Rhythmus als Nächstes folgen wird.
Wer vor allem Verlässlichkeit und Wiedererkennbarkeit schätzt, empfindet einfache musikalische Strukturen häufig als angenehm.
Andere Gehirne haben sich an komplexere Muster gewöhnt. Für sie wirken allzu vorhersehbare Stücke eher langweilig, während Jazz, Progressive Rock oder experimentelle Musik den eigentlichen Reiz ausmachen.
Hinzu kommt unser autobiographisches Gedächtnis.
Musik speichert Erinnerungen wie kaum ein anderer Sinneseindruck. Ein Lied genügt und plötzlich steht man wieder an einem längst vergangenen Ort, riecht denselben Sommer oder erinnert sich an einen Menschen, den man seit Jahren nicht gesehen hat.
Man hört niemals nur ein Lied.
Man hört immer auch einen Teil seines eigenen Lebens.
Schließlich spielt die Persönlichkeit eine entscheidende Rolle. Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit einer hohen Offenheit für neue Erfahrungen häufiger komplexe oder ungewöhnliche Musik bevorzugen, während andere eher eingängige und vertraute Musik schätzen.
Keine dieser Vorlieben ist objektiv besser.
Sie erzählen lediglich unterschiedliche Geschichten über die Menschen, die sie hören.
Warum selbst Geschwister unterschiedlich hören
Doch selbst dort, wo Menschen unter denselben Bedingungen aufwachsen, zeigt sich, wie individuell Musik wirkt.
Mein Bruder und ich sind im selben Elternhaus groß geworden. Wir hörten dieselben Radiosendungen und dieselben Schallplatten. Erst mit Beginn der Jugend trennten sich unsere musikalischen Wege.
Seine Beatles standen gegen meine Rolling Stones.
Sein Bob Dylan gegen meinen David Bowie.
Damals hielten wir das für eine Frage des Geschmacks.
Heute glaube ich, dass wir in Wirklichkeit unsere Persönlichkeiten entdeckten.
Die Entwicklungspsychologie beschreibt die Jugend als jene Lebensphase, in der Menschen beginnen, ihre eigene Identität auszubilden. Kleidung, Bücher, Freundschaften und eben auch Musik werden zu Ausdrucksformen der eigenen Persönlichkeit.
Dabei spielt die Familie zwar weiterhin eine Rolle, doch sie erklärt längst nicht alles.
Jeder Lieblingssong verbindet sich mit ganz persönlichen Erlebnissen, Hoffnungen und Erinnerungen.
Dieselbe Melodie kann deshalb für zwei Menschen völlig unterschiedliche Bedeutungen besitzen – selbst dann, wenn beide sie gemeinsam zum ersten Mal gehört haben.
So entstehen aus derselben Kindheit zwei verschiedene musikalische Lebenswege.
Die gemeinsame Sozialisation liefert lediglich den Ausgangspunkt.
Welche Musik uns schließlich ein Leben lang begleitet, entscheidet sich aus dem Zusammenspiel von Persönlichkeit, Erinnerungen, Erfahrungen und der Art, wie unser Gehirn Klänge verarbeitet.
Schlussgedanken
Vielleicht erklärt das auch, weshalb ich kaum nachvollziehen kann, dass manche Menschen tagelang ohne Musik leben können.
Für mich ist Stille selten beruhigend.
Sie wirkt eher wie ein leerer Raum, den meine Gedanken sofort füllen.
Musik dagegen ordnet dieses innere Stimmengewirr. Sie begleitet mich nicht nur – sie strukturiert meinen Tag, färbt meine Stimmung und schenkt selbst gewöhnlichen Momenten eine besondere Tiefe.
Vielleicht ist Musik deshalb eine der ehrlichsten Ausdrucksformen des Menschen.
Über Politik lässt sich streiten, über Religion diskutieren und über Kunst urteilen.
Musik hingegen verrät oft unmittelbar, was einen Menschen berührt.
Sie erzählt etwas über seine Erinnerungen, seine Sehnsüchte und seine Persönlichkeit – manchmal mehr, als Worte es jemals könnten.
Vielleicht ist Musik deshalb weit mehr als bloße Unterhaltung.
Sie ist Erinnerung.
Sie ist Trost.
Sie ist Motivation.
Sie ist Identität.
Und manchmal ist sie sogar Heimat.
Sie begleitet uns durch unser ganzes Leben, ohne dass wir genau erklären könnten, warum ausgerechnet diese wenigen Töne unser Innerstes berühren.
Musik ist weniger ein Spiegel unserer Erziehung als ein Spiegel unserer Persönlichkeit. Die Familie liefert den ersten Werkzeugkasten – den eigenen Klang baut sich jeder Mensch selbst.
