Ernährung – Übergewicht
Wenn Akzeptanz zur Verharmlosung wird und warum wir eine neue (Präventions-)Debatte brauchen
Menschen mit Übergewicht sind nicht nur in der unmittelbaren Umgebung zu einem alltäglichen Anblick geworden. In der Werbung, in den sozialen Medien und auf unseren Straßen begegnen uns Menschen mit unterschiedlichsten Körperformen. Diese Entwicklung hat auch die öffentliche Diskussion verändert. Immer häufiger geht es vorrangig um die Diskriminierung übergewichtiger Menschen, um Körperakzeptanz und um den gesellschaftlichen Umgang mit unterschiedlichen Erscheinungsbildern. Insbesondere in den sozialen Medien wird diese Diskussion mit einer wenig hilfreichen Aggressivität geführt.
Das sind berechtigte Themen. Niemand darf aufgrund seines Körpergewichts, oder auch anderer Merkmale, ausgegrenzt oder abgewertet werden. Das ist ein legitimer rechtlicher und gesellschaftlicher Anspruch, der auch hier nicht in Abrede gestellt wird!
Doch bei aller notwendigen Rücksichtnahme stellt sich eine andere Frage:
Reden wir noch ausreichend über die gesundheitlichen Ursachen und Folgen von Übergewicht für das Individuum, die Gesellschaft und unsere Umwelt – oder konzentrieren wir uns inzwischen so sehr auf die gesellschaftliche Akzeptanz, dass die Gefahren und die Prävention in den Hintergrund geraten?
Darüber hinaus stellt sich die drängende Frage, welche Auswirkungen hat die Überproduktion, Verschwendung und ungenutzte Vernichtung von Lebensmitteln für unsere Umwelt.
Eine ggf. darüber hinaus gehende ästhetischen Wertungen eines Erscheinungsbildes oder einer Lebensweise ist individuell und meiner Meinung nach durchaus legitim. Niemand darf gezwungen werden einen Lebensstil oder eine Erscheinung begehrenswert, empfehlenswert oder nachahmenswert finden zu müssen. Das gilt übrigens in alle Richtungen. Wir erinnern uns an die Hungertriaden in den 70er Jahren, um Twiggy nachzueifern. Auch das war höchst gesundheitsgefährlich oder sogar lebensbedrohlich und wurde gesellschaftlich zunächst nicht mit der notwendigen Aufmerksamkeit bedacht. Aber irgendwann klingelten damals die Alarmglocken, weil unsere Kinder gefährdet wurden.
Wer alle diese Fragen stellt, läuft heute, im Zeitalter der sozialen Medien, sehr schnell Gefahr, missverstanden zu werden, weil man sofort lautstark in eine Schublade gesteckt wird.
Um allen Spekulationen zuvorzukommen:
Ich war selbst einmal korpulenter und habe erfolgreich beschlossen so weit abzunehmen, dass mein BMI auf Normalmaß reduziert wurde (Ja, ich kenne die Kritikpunkte am BMI).
Mein eigener Anspruch ist, mein Körpergewicht und meine physische und psychische Gesundheit durch regelmäßigen Ausdauer- und Kraftsport, maßvolle vegetarische Ernährung, intensive soziale Kontakte, anregende Hobbys und regelmäßige ärztliche Untersuchungen auf dem derzeitigen Niveau zu stabilisieren.
Ich versuche durch bewussten Konsum und politisches und gesellschaftliches Engagement meinen Fußabdruck zu beeinflussen und möchte irgendwann einmal meinen Enkeln unter die Augen treten können, weil ich etwas unternommen habe, um Schlimmeres zu vermeiden.
Ein weit verbreitetes Gesundheitsproblem
Die Zahlen sind deutlich. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren 2022 weltweit rund 2,5 Milliarden Erwachsene übergewichtig, darunter etwa 890 Millionen Menschen mit Adipositas. Auch bei Kindern und Jugendlichen ist die Entwicklung besorgniserregend.
Der aktuelle WHO-Bericht zur europäischen Kindergesundheit, der Daten aus den Jahren 2022 bis 2024 umfasst, zeigt: In den untersuchten Ländern waren rund 25 Prozent der Sieben- bis Neunjährigen übergewichtig oder adipös. Etwa elf Prozent lebten mit Adipositas.
Die WHO schätzt, dass ein zu hoher BMI allein im Jahr 2021 weltweit rund 3,7 Millionen Todesfälle durch nichtübertragbare Krankheiten verursacht hat. Das ist eine erhebliche Größenordnung.
Überall Tendenz steigend!
Diese Zahlen stehen gerade bei Kindern nicht für ein individuelles Versagen, sondern begründet sich oft in frühkindliche Prägungen und entsprechende Vorbilder durch die Eltern.
Für alle Betroffenen gilt darüber hinaus, dass ein komplexes Zusammenspiel von Ernährung, Bewegung, genetischen Faktoren, psychischen und sozialen Bedingungen sowie dem Lebensumfeld ursächlich ist.
Die WHO weist darauf hin, dass Übergewicht im Kindesalter nicht nur körperliche Auswirkungen hat. Es kann auch zu Mobbing, Diskriminierung, psychischen Belastungen und schlechteren schulischen Leistungen beitragen. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass betroffene Kinder auch als Erwachsene adipös sind.
Man darf nicht die Augen davor verschließen, dass sich diese Problematik in den letzten Jahrzehnten in nahezu allen westlich geprägten Gesellschaften epidemisch ausgeweitet hat. Allen anderen Einlassungen zum Trotz ist dieser Trend zum Übergewicht der letzten Dekaden kaum ausschließlich auf plötzlich und flächendeckend auftretende Stoffwechsel-/Hormonstörung oder genetische Probleme zurückzuführen.
Jede Kalorie, die sich auf den Rippen ablagert, wurde zuvor selbstverantwortlich dem eigenen Körper zugeführt. Wie schwer es dann tatsächlich ist sein Gewicht zu regulieren, ist dann sehr individuell und Typ bedingt.
Worüber reden wir denn? Adipositas erhöht unter anderem das Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten. Auch Gelenke und Bewegungsapparat werden durch dauerhaftes Übergewicht zusätzlich schwer belastet und vorzeitig verschlissen. Bei Kindern und Jugendlichen können sich früh gesundheitliche Beeinträchtigungen entwickeln, die sie möglicherweise ein Leben lang begleiten. Eine tickende gesellschaftliche Zeitbombe, die auch unsere Sozialversicherung vor große Herausforderungen stellt.
Die WHO bezeichnet Adipositas deshalb als chronische, komplexe Erkrankung.
Sie betont zugleich, dass Übergewicht und seine Folgeerkrankungen in erheblichem Umfang vermeidbar sind!
Wenn ein gesundheitliches Problem so weit verbreitet ist, muss seine Prävention eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe sein.
Quellen:
Akzeptanz darf nicht zur Verharmlosung werden
Die öffentliche Wahrnehmung hat sich verändert. Übergewichtige Menschen sind heute in Werbung, Unterhaltung und sozialen Medien sichtbarer als früher. Das trägt sicherlich dazu bei, Vorurteile abzubauen und Menschen vor Ausgrenzung zu schützen.
Doch Sichtbarkeit und gesundheitliche Bewertung sind zwei unterschiedliche Dinge.
Wenn die Diskussion über Übergewicht fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Diskriminierung geführt wird, droht eine wichtige Perspektive verloren zu gehen: die Frage, wie Übergewicht entsteht und wie sich seine gesundheitlichen Folgen verhindern lassen.
In Diskussionen über dieses Thema zeigt sich mitunter, dass bereits die Erwähnung gesundheitlicher Risiken als Abwertung verstanden wird. Eine solche Verkürzung hilft niemandem. Sie erschwert eine sachliche Auseinandersetzung mit den Ursachen und verhindert, dass Prävention den Stellenwert erhält, den sie verdient.
Es muss möglich sein, über die Risiken von Übergewicht zu sprechen, ohne Menschen wegen ihres Körpergewichts zu diskriminieren. Respekt vor dem Einzelnen und eine kritische Auseinandersetzung mit gesundheitlichen Gefahren schließen einander nicht aus, sondern sind im Gegenteil eher zwingend, wenn man den Menschen mit seinem legitimen Anspruch auf ein möglichst angst- und beschwerdefreies Leben ernst nimmt.
Auch bei anderen Gesundheitsrisiken unterscheiden wir schließlich zwischen dem Menschen und seinem Verhalten. Niemand würde ernsthaft fordern, auf die Aufklärung über die Gefahren des Rauchens, von extrem gesundheitsgefährdeten Sportarten oder gesundheitlich belastenden Arbeitsverhältnissen zu verzichten, nur weil die Betroffenen gesellschaftlich nicht ausgegrenzt werden sollen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir Übergewicht akzeptieren oder ablehnen. Sie lautet, ob wir die gesundheitlichen Risiken ernst nehmen und alles Vernünftige unternehmen, um sie zu verringern.
Die Verantwortung beginnt in der Kindheit
Besonders wichtig ist die Prävention bei Kindern. Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsverhalten werden früh geprägt. Was Kinder zu Hause, in der Kita und in der Schule kennenlernen, beeinflusst häufig ihr späteres Verhalten.
Deshalb reicht es nicht, Erwachsene im Nachhinein zu gesunder Ernährung aufzurufen. Wir müssen früher ansetzen.
Ernährungsbildung sollte nicht allein der elterlichen Sorge überlassen bleiben, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil der frühkindlichen Erziehung und des Schulunterrichts sein. Kinder sollten erfahren, welche Nährstoffe ihr Körper benötigt, welche Bedeutung eine ausgewogene Ernährung hat und welche Folgen ein dauerhaft ungünstiges Ess-, Trink- und Bewegungsverhalten haben kann.
Dabei darf es nicht bei theoretischem Wissen bleiben. Gemeinsames Kochen, die Beschäftigung mit Lebensmitteln und regelmäßige Bewegung können dazu beitragen, gesunde Gewohnheiten und die Freude an zuträglichem Verhalten praktisch zu vermitteln.
Auch die Verpflegung in Kitas und Schulen gehört auf den Prüfstand. Es ist wenig überzeugend, Kindern einerseits gesunde Ernährung zu vermitteln, ihnen andererseits aber ein Lebensmittelangebot zu machen, das diesen Ansprüchen nicht gerecht wird.
Die WHO hat im Januar 2026 neue Empfehlungen für gesündere Ernährungsumgebungen in Schulen veröffentlicht. Sie spricht sich unter anderem für verbindliche Standards bei der Schulverpflegung und für Maßnahmen aus, die gesündere Entscheidungen erleichtern.
Damit liegt ein konkreter Ansatz auf dem Tisch. Entscheidend ist nun, solche Empfehlungen konsequent umzusetzen und ihre Wirkung zu überprüfen. Hier ist dann aber auch die Gesellschaft gefragt. Einseitige Verunglimpfung einer gesünderen, eher maßvollen und vegetarischen Ernährung helfen hier nicht weiter!
Quelle:
Die Lebensmittelindustrie trägt Mitverantwortung
Gesunde Ernährung ist auch eine Frage der verfügbaren Angebote. Wer Menschen zu einer ausgewogenen Ernährung auffordert, darf nicht übersehen, in welchem Umfeld sie ihre Entscheidungen treffen.
Kalorienreiche, stark verarbeitete Lebensmittel sind vielerorts leicht verfügbar. Hinzu kommt eine intensive Vermarktung, die sich auch an Kinder und Jugendliche richtet. Es wäre daher zu kurz gegriffen, die Verantwortung ausschließlich beim Verbraucher zu suchen. Die Lebensmittelindustrie beeinflusst durch Produktgestaltung, Preisgestaltung und Werbung maßgeblich, welche Lebensmittel gekauft und konsumiert werden.
Die WHO fordert unter anderem, den Gehalt an Zucker, Salz und ungünstigen Fetten in verarbeiteten Lebensmitteln zu reduzieren und insbesondere Kinder vor der Werbung für entsprechende Produkte zu schützen.
Auch in Deutschland sollte deshalb noch stärker darüber diskutiert werden, wie Werbung für besonders ungesunde Lebensmittel begrenzt und eine verständliche Nährwertkennzeichnung sichergestellt werden kann.
Das bedeutet nicht, dem Verbraucher jede Entscheidung abzunehmen (Selbstverantwortung und Verantwortung gegenüber den eigenen Kindern). Es bedeutet vielmehr, ein Umfeld zu schaffen, in dem gesündere Entscheidungen leichter möglich sind.
Ein Gesundheitssystem, das früher handeln muss
Unser Gesundheitssystem ist in hohem Maße auf die Behandlung bereits entstandener Erkrankungen ausgerichtet. Das ist unverzichtbar. Doch angesichts der zunehmenden Bedeutung ernährungsbedingter Erkrankungen stellt sich die Frage, ob Prävention tatsächlich den Stellenwert besitzt, den sie haben müsste.
Warum warten wir, bis gesundheitliche Probleme auftreten, statt früher gegenzusteuern?
Hausärzte und Kinderärzte könnten Risikofaktoren frühzeitig erkennen und Betroffene beraten. Krankenkassen könnten Präventionsangebote stärker unterstützen. Schulen und Kommunen könnten Bewegungsmöglichkeiten schaffen und gesunde Ernährung fördern.
Dabei darf Prävention nicht auf die Kontrolle des Körpergewichts reduziert werden. Auch Menschen mit Normalgewicht können sich ungesund ernähren oder unter Bewegungsmangel leiden. Entscheidend ist ein gesundheitsförderlicher Lebensstil. Solange z.B. Sportunterricht eher als Nebensache behandelt wird, ist das schwierig.
Allerdings sollte man auch realistisch bleiben: Prävention kostet Geld und führt nicht automatisch zu Einsparungen im Gesundheitssystem. Ihr wesentlicher Nutzen besteht darin, Erkrankungen und vermeidbares Leiden zu verhindern und die Lebensqualität zu verbessern.
Die ökologischen Folgen werden häufig ausgeblendet
Die Diskussion über Ernährung endet häufig bei der individuellen Gesundheit. Dabei hat unser Ernährungsverhalten auch erhebliche ökologische Auswirkungen.
Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion beanspruchen große Flächen, verbrauchen Wasser und tragen zu Treibhausgasemissionen sowie zur Belastung von Böden und Gewässern bei. Hinzu kommen Lebensmittelverschwendung und die Folgen intensiver Produktionsweisen.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat 2024 die sogenannten versteckten Kosten globaler Ernährungssysteme untersucht. Dazu zählen neben Umweltschäden auch gesundheitliche und soziale Folgen. Die Studie beziffert diese Kosten weltweit auf rund zwölf Billionen US-Dollar jährlich. Ein erheblicher Teil entfällt auf gesundheitliche Folgen ungünstiger Ernährungsmuster.
Diese Zahlen zeigen, dass die Kosten unserer Ernährung weit über den Preis hinausgehen, den wir an der Kasse bezahlen.
Eine stärker pflanzenbetonte Ernährung kann sowohl gesundheitliche als auch ökologische Vorteile haben. Daraus folgt nicht, dass jeder Mensch vegan leben muss. Aber es ist sinnvoll, den hohen Konsum bestimmter tierischer Produkte und die ökologischen Folgen unserer Ernährungsgewohnheiten kritisch zu hinterfragen.
Gesundheit und Umwelt-, Klima- und Artenschutz dürfen deshalb nicht als getrennte Themen behandelt werden. Sie sind eng miteinander verbunden. um diese Hintergründe angemessen zu beleuchten, bedarf es einer eigenen Abhandlung. Das würde den Rahmen hier sprengen.
Quelle:
Die vergessene Rechnung: unsere Sozialversicherungen
Bei der Diskussion über Übergewicht und Adipositas wird eine weitere Dimension erstaunlich selten berücksichtigt: die Finanzierung unseres Sozialstaates.
Denn die Folgen enden nicht beim einzelnen Menschen und seiner Gesundheit. Wenn Adipositas Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Erkrankungen des Bewegungsapparates begünstigt, entstehen daraus Behandlungskosten. Wenn Menschen häufiger oder länger arbeitsunfähig werden, Rehabilitation benötigen, pflegebedürftig werden oder ihre Erwerbsfähigkeit vorzeitig verlieren, betrifft dies Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung – und letztlich Beitrags- und Steuerzahler.
Das Robert Koch-Institut formuliert diesen Zusammenhang inzwischen ausdrücklich: Aufgrund der hohen Verbreitung von Übergewicht und Adipositas und der damit verbundenen Folgeerkrankungen entstünden „beträchtliche Kosten für das Gesundheits- und Sozialsystem“.
Wie groß diese Belastung sein kann, zeigen deutsche gesundheitsökonomische Untersuchungen.
Eine der umfassendsten Studien wertete Krankenkassendaten von rund 146.000 Menschen aus. Für das damalige Bezugsjahr errechneten die Wissenschaftler direkte adipositasbedingte Kosten von rund 29,4 Milliarden Euro jährlich. Hinzu kamen geschätzte indirekte Kosten von rund 33,7 Milliarden Euro – insgesamt also etwa 63 Milliarden Euro pro Jahr.
Zu den direkten Kosten zählten nicht nur medizinische Behandlung und Medikamente, sondern unter anderem auch Rehabilitation und Pflege. Die indirekten Kosten umfassten beispielsweise Arbeitsausfälle, Arbeitslosigkeit, vorzeitigen Ruhestand beziehungsweise Verlust der Erwerbsfähigkeit und vorzeitige Sterblichkeit.
Diese rund 63 Milliarden Euro sind ausdrücklich keine aktuelle Kostenrechnung für das Jahr 2026. Die Berechnung basiert auf älteren Daten und Preisen. Sie einfach um die Inflation hochzurechnen wäre unseriös. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung aus dem Jahr 2023 bezeichnet diese Untersuchung jedoch weiterhin als eine der umfassendsten Berechnungen für Deutschland.
Eine zweite deutsche Untersuchung, die KORA-Studien, bestätigt den grundsätzlichen Zusammenhang unabhängig davon: Mit zunehmendem Grad der Adipositas stiegen sowohl die direkten medizinischen als auch die indirekten Kosten. Bei Menschen mit Adipositas Grad III waren die direkten medizinischen Kosten ungefähr doppelt so hoch wie bei Normalgewichtigen; auch die indirekten Kosten lagen etwa doppelt so hoch. Besonders auffällig waren Medikamentenkosten, Arztbesuche und Arbeitsausfälle.
Damit wird aus einem vermeintlich privaten Gesundheitsproblem eine gesellschaftliche Finanzierungsfrage.
Krankenversicherung: Die Folgekosten stehen häufig unter einem anderen Namen
Ein besonderes Problem bei der öffentlichen Wahrnehmung besteht darin, dass die Kosten von Adipositas nicht einfach auf einer Rechnung mit der Überschrift „Übergewicht“ erscheinen.
Behandelt werden beispielsweise Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder orthopädische Beschwerden. Die dafür entstehenden Ausgaben werden statistisch diesen Erkrankungen zugerechnet.
Wer deshalb lediglich nach den unmittelbaren Behandlungskosten der Diagnose „Adipositas“ sucht, unterschätzt die wirtschaftliche Dimension.
Das RKI bezeichnet Übergewicht und Adipositas ausdrücklich als Mitursache zahlreicher Beschwerden und als Faktoren, die chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen können.
Rentenversicherung: Wenn Krankheit die Erwerbsfähigkeit erreicht
Noch deutlicher wird der Zusammenhang bei der Deutschen Rentenversicherung.
Sie weist darauf hin, dass Adipositas unter anderem Fettstoffwechselstörungen, orthopädische Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes begünstigt. Rund 70 Prozent der wegen Diabetes behandelten Rehabilitanden der Rentenversicherung waren nach deren Angaben zum Zeitpunkt der Behandlung adipös.
Entstehen durch starkes Übergewicht Erkrankungen oder Funktionseinschränkungen, die die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigen, versucht die Rentenversicherung durch Rehabilitation gegenzusteuern.
Das Prinzip „Reha vor Rente“ bekommt damit eine ganz konkrete Bedeutung: Es wird gesellschaftliches Geld eingesetzt, um Menschen möglichst lange im Erwerbsleben zu halten und eine Erwerbsminderung zu verhindern.
Das ist sinnvoll und notwendig.
Die Frage muss aber trotzdem erlaubt sein: Warum investieren wir nicht mindestens ebenso konsequent früher – bevor Diabetes, Gelenkschäden und andere chronische Erkrankungen die Erwerbsfähigkeit bedrohen?
Pflegeversicherung: Wenn aus Krankheit Hilfebedarf wird
Auch die Pflegeversicherung gehört in diese Rechnung.
Die große deutsche Kostenstudie fand bei Menschen mit Adipositas einen signifikanten zusätzlichen Bedarf an Langzeitpflege. Das ist angesichts möglicher Begleiterkrankungen nachvollziehbar: Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Einschränkungen des Bewegungsapparates können Mobilität und Selbstständigkeit beeinträchtigen.
Wie viel der gesamten deutschen Pflegekosten heute kausal auf Adipositas zurückzuführen ist, lässt sich allerdings nicht seriös mit einer einzelnen aktuellen Zahl beziffern.
Gerade hier sollten wir deshalb nicht mehr behaupten, als wissenschaftlich belegt ist.
Dass Adipositas zusätzliche Pflegekosten verursachen kann, ist belegt. Welchen Anteil sie an der gegenwärtigen Finanznot der Pflegeversicherung hat, ist damit nicht beantwortet.
Die doppelte Belastung: mehr Ausgaben und möglicherweise weniger Einnahmen
Besonders problematisch für einen beitragsfinanzierten Sozialstaat ist eine Wirkung, die in der Diskussion leicht übersehen wird.
Chronische Erkrankungen können auf zwei Seiten gleichzeitig wirken.
Auf der einen Seite entstehen zusätzliche Ausgaben für Ärzte, Krankenhäuser, Medikamente, Rehabilitation, Krankengeld, Pflege oder Erwerbsminderungsleistungen.
Auf der anderen Seite können längere Arbeitsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit oder ein vorzeitiger Verlust der Erwerbsfähigkeit dazu führen, dass Arbeitsleistung, Einkommen sowie Steuer- und Sozialversicherungsbeiträge geringer ausfallen.
Die KORA-Untersuchung fand bereits bei Übergewicht erhöhte indirekte Kosten und bei höheren Adipositasgraden deutlich stärkere Belastungen. Die Autoren zählen dazu ausdrücklich Produktivitätsverluste durch Arbeitsunfähigkeit und langfristige Erwerbsunfähigkeit.
Damit bezahlen wir chronische Erkrankungen unter Umständen doppelt: durch zusätzliche Sozialausgaben und durch verlorene wirtschaftliche Leistung.
Besonders problematisch: Übergewicht beginnt bereits im Kindesalter
Damit erhält die Forderung nach Prävention in Kindergarten und Schule zusätzliches Gewicht.
Eine deutsche Modellstudie untersuchte die langfristigen wirtschaftlichen Folgen von Übergewicht und Adipositas im Kindesalter. Sie kam zu dem Ergebnis, dass ein großer Teil der betroffenen Kinder auch im Erwachsenenalter in derselben Gewichtskategorie blieb.
Die geschätzten zusätzlichen indirekten Lebenszeitkosten betrugen 4.209 Euro pro betroffenem Jungen und 2.445 Euro pro betroffenem Mädchen. Auf die damals betroffene deutsche Bevölkerung hochgerechnet ergab das Modell zusätzliche Lebenszeitkosten von 145 Milliarden Euro.
Auch hier gilt: Das sind keine jährlich anfallenden 145 Milliarden Euro, sondern eine Modellrechnung über die Lebenszeit der untersuchten Population.
Eine weitere deutsche Modellstudie kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Menschen, die bereits als Kinder übergewichtig oder adipös waren, im Erwachsenenleben erhebliche zusätzliche Gesundheitskosten verursachen können – ein großer Teil davon erst jenseits des 60. Lebensjahres.
Das macht Prävention bei Kindern zu mehr als einer pädagogischen Aufgabe.
Sie ist Gesundheits-, Sozial- und langfristig auch Finanzpolitik.
Und das alles trifft auf ein bereits stark belastetes System
Diese zusätzlichen Belastungen treffen nicht auf Sozialversicherungen mit unbegrenzten finanziellen Reserven.
Die Sozialversicherung gab 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 937,5 Milliarden Euro aus. Die Einnahmen lagen bei 936,1 Milliarden Euro. Daraus ergab sich in der Finanzstatistik ein Defizit von rund 1,3 Milliarden Euro.
Auch die Größenordnung staatlicher Unterstützung ist beträchtlich. Die gesetzliche Rentenversicherung erhielt 2025 reguläre Bundeszuschüsse von 93,2 Milliarden Euro. Die gesetzliche Krankenversicherung erhält einen regulären Bundeszuschuss von jährlich 14,5 Milliarden Euro. Darüber hinaus wurden 2025 Darlehen an Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung geleistet.
Diese Zahlen dürfen allerdings nicht missverstanden werden. Bundeszuschüsse sind nicht einfach das Stopfen von Finanzierungslöchern. Sie finanzieren teilweise ausdrücklich gesamtgesellschaftliche beziehungsweise nicht beitragsgedeckte Aufgaben.
Dennoch zeigen die Zahlen, in welcher finanziellen Größenordnung sich unser Sozialstaat inzwischen bewegt.
Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Ausgaben der Sozialversicherung auf 491,4 Milliarden Euro. Renten- und Pflegeversicherung wiesen dabei Defizite von 4,7 beziehungsweise 0,7 Milliarden Euro aus. In den Einnahmen waren bereits Bundesdarlehen von insgesamt 10,2 Milliarden Euro an Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung enthalten.
Adipositas ist nicht die Ursache dieser Finanzierungsprobleme. Die Alterung der Bevölkerung, medizinischer Fortschritt, Pflegebedarf, Lohnentwicklung und zahlreiche politische Entscheidungen spielen ebenfalls wesentliche Rollen.
Aber gerade weil die Systeme bereits unter erheblichem Finanzierungsdruck stehen, stellt sich die Frage, wie lange wir es uns leisten können und wollen, vermeidbare Krankheitslasten lediglich nachträglich zu finanzieren.
Prävention ist damit auch eine Frage der Generationengerechtigkeit
Vielleicht liegt hier der bisher unterschätzte Punkt der gesamten Debatte.
Wer über Prävention spricht, spricht nicht nur darüber, ob ein Mensch einige Kilogramm weniger wiegt.
Wir sprechen über Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenke und Mobilität. Wir sprechen über Arbeitsunfähigkeit, Rehabilitation, Pflegebedürftigkeit und möglicherweise einen vorzeitigen Verlust der Erwerbsfähigkeit.
Und damit sprechen wir zwangsläufig über die Finanzierung unseres Sozialstaates.
Niemand kann seriös versprechen, dass jeder in Prävention investierte Euro später mehrere Euro Sozialausgaben einspart. Menschen, die länger gesund leben, verursachen im höheren Lebensalter schließlich ebenfalls Gesundheits- und Rentenausgaben.
Das Argument für Prävention sollte deshalb nicht auf einer vermeintlichen Garantie beruhen, dass sie den Sozialstaat billiger macht.
Das stärkere Argument lautet:
Wenn vermeidbare Erkrankungen verhindert oder hinausgezögert werden können, gewinnen Menschen gesunde Lebensjahre und Erwerbsfähigkeit – und gleichzeitig wird vermeidbare Belastung von Gesundheits- und Sozialsystemen reduziert.
In einer alternden Gesellschaft mit ohnehin steigenden Sozialausgaben ist das keine Nebensache.
Es ist eine der Voraussetzungen dafür, dass ein solidarisch finanzierter Sozialstaat langfristig leistungsfähig bleiben kann.
Quellen zu diesem Abschnitt: Das RKI bestätigt ausdrücklich erhebliche Kosten für Gesundheits- und Sozialsystem. Die Effertz-Studie beziffert auf ihrer damaligen Datenbasis 29,39 Mrd. € direkte und 33,65 Mrd. € indirekte jährliche Kosten und findet zusätzliche Langzeitpflege, Arbeitslosigkeit und vorzeitigen Ruhestand. Die KORA-Daten zeigen mit zunehmendem Adipositasgrad steigende direkte und indirekte Kosten. Die DRV dokumentiert den Zusammenhang mit Erwerbsfähigkeit und Rehabilitation. Die Modellstudien zu Kindern quantifizieren Lebenszeitfolgen. Aktuelle Finanzzahlen stammen von Destatis, DRV und BMG.
Vom Wissen zum Handeln
Die Risiken sind bekannt. Die gesundheitlichen Folgen sind wissenschaftlich gut dokumentiert. Auch konkrete Vorschläge für mehr Prävention liegen vor.
Was fehlt, ist weniger das Wissen als vielmehr die konsequente Umsetzung.
Ernährungsbildung muss früh beginnen und dauerhaft stattfinden. Schulen und Kitas brauchen gesunde Verpflegungsangebote. Die Lebensmittelindustrie muss stärker in die Verantwortung genommen werden. Das Gesundheitssystem sollte Risiken früher erkennen und Prävention systematisch fördern.
Und nicht zuletzt brauchen wir eine öffentliche Diskussion, die sich nicht auf die Frage beschränkt, wie wir mit Menschen umgehen, die bereits übergewichtig sind. Wir müssen auch darüber sprechen, wie wir verhindern können, dass immer mehr Menschen gesundheitliche Schäden erleiden.
Dabei ist eine differenzierte Betrachtung notwendig. Nicht jedes Übergewicht lässt sich durch individuelles Verhalten vermeiden. Krankheit, Medikamente, genetische Faktoren und soziale Lebensbedingungen können eine erhebliche Rolle spielen. Wer Prävention ernst nimmt, muss deshalb auch die Lebensumstände berücksichtigen, unter denen Menschen ihre Entscheidungen treffen.
Es geht nicht darum, Menschen zu bevormunden oder zu beschuldigen. Es geht darum, ihnen Wissen, Möglichkeiten und ein Umfeld zu bieten, das gesundes Verhalten unterstützt.
Darüber hinaus geht es darum, bereits den Kindern, aber auch den Erwachsenen, ein positives Bild gesundheitsfördernden Verhaltens zu vermitteln, was damit einhergeht auch ein wünschenswertes Verhalten aktiv zu fördern und nicht ungesunde Verhaltensweisen unkritisch zu verbreiten.
Eine Gesellschaft muss auch unbequeme Fragen stellen
Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten gelernt, gesundheitliche Risiken stärker wahrzunehmen und zu thematisieren. Beim Rauchen etwa sind Warnhinweise und Werbebeschränkungen heute selbstverständlich. Bei Ernährung und Übergewicht ist die öffentliche Debatte noch nicht so weit, da ist die Lage auch deutlich komplexer.
Lebensmittel müssen, bei der breiten Verfügbarkeit und gesundheitlichen Einordnung, heute aber zum Teil ebenfalls als Genussmittel behandelt werden. Das ausgeklügelte Zucker-/Fett-/Salz-Gemisch einiger Lebensmittel ist durchaus geeignet das Verlangen nach unangemessenen Portionen zu verursachen. Die überall zur Verfügung stehenden XXL-Portionen und die Hektoliter stark zuckerhaltiger Getränke gehen nicht direkt in den Gulli, sondern finden leider ihre menschlichen Abnehmer.
Essen ist lebensnotwendig, eng mit Kultur und sozialem Leben verbunden und lässt sich nicht einfach verbieten. Außerdem ist Übergewicht keine bloße Verhaltensentscheidung, sondern ein komplexes gesundheitliches Phänomen.
Doch gerade deshalb brauchen wir eine offene und sachliche Diskussion.
Wenn wir aus Sorge vor Diskriminierung gesundheitliche, gesellschaftliche und ökologische und ökonomische Risiken nicht mehr deutlich benennen, verfehlen wir das Ziel sehr weit! Wenn wir umgekehrt nur die Betroffene für ihre Situation verantwortlich machen, ebenso.
Eine Gesellschaft, die Menschen respektiert, muss auch in der Lage sein, über gesundheitliche Gefahren zu sprechen – und Maßnahmen zu ergreifen, die deren Entstehung verhindern helfen.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Prävention wieder zu einer gesellschaftlichen Priorität zu machen. Nicht erst dann, wenn die gesundheitlichen, sozialen und ökologischen Folgekosten unübersehbar geworden sind.
Akzeptanz darf nicht bedeuten, Probleme hinzunehmen. Und Prävention darf nicht bedeuten, Menschen auszugrenzen.
Beides muss zusammengehen.
Der Artikel ist als eigenständiger Meinungsbeitrag formuliert. Die Quellen stützen vor allem die gesundheitlichen Zahlen, die Empfehlungen zur Prävention und die ökologischen Zusammenhänge. Die gesellschaftliche Bewertung ist bewusst als Argumentation und nicht als wissenschaftlich bewiesene Kausalität formuliert.
