Ernährung – Was wäre ökologisch und ökonomisch zu gewinnen?
Wenn wir nur produzieren und essen würden, was wir wirklich brauchen
In meinem vorherigen Beitrag ging es um Übergewicht, Fehlernährung und die Frage, warum unsere Gesellschaft so viel Energie darauf verwendet, die daraus entstehenden Krankheiten zu behandeln, während die Prävention vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhält.
Doch vielleicht greift selbst diese Betrachtung noch zu kurz.
Denn was wir essen, wie viel wir essen und was wir anschließend wegwerfen, betrifft keineswegs nur unsere Gesundheit. Hinter jedem Lebensmittel stehen landwirtschaftliche Flächen, Wasser, Energie, Dünger, Futtermittel, Arbeit, Verarbeitung und Transport. Bei tierischen Lebensmitteln kommen Tierhaltung, Methanemissionen sowie Mist und Gülle hinzu.
Was also wäre zu gewinnen, wenn wir drei zunächst erstaunlich einfache Regeln beherzigten?
Wir essen nur so viel, wie unser Körper tatsächlich benötigt. Wir ernähren uns stärker pflanzlich. Wir produzieren möglichst nur das, was anschließend auch gegessen wird.
Die Antwort lautet: sehr viel.
Nicht jedes Umwelt- oder Gesundheitsproblem ließe sich damit lösen. Aber mehrere der großen Probleme unserer Zeit könnten gleichzeitig erheblich entschärft werden.
1. Gewinn: Gesundheit
Beginnen wir dort, wo der vorherige Artikel endete.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt ausdrücklich, Energieaufnahme und Energieverbrauch ins Gleichgewicht zu bringen und den Nährstoffbedarf durch eine abwechslungsreiche, weitgehend pflanzliche Ernährung zu decken. (Weltgesundheitsorganisation)
Dass wir davon weit entfernt sind, zeigen die Zahlen: 2022 waren weltweit etwa 2,5 Milliarden Erwachsene übergewichtig, darunter rund 890 Millionen Menschen mit Adipositas. 43 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung waren damit übergewichtig. Seit 1990 hat sich die Häufigkeit von Adipositas bei Erwachsenen mehr als verdoppelt. (Weltgesundheitsorganisation)
Natürlich entsteht Übergewicht nicht allein dadurch, dass jemand „zu viel isst“. Die WHO beschreibt Adipositas ausdrücklich als komplexe chronische Erkrankung, bei der genetische und neurobiologische Faktoren, Ernährungsverhalten, Lebensumstände, Lebensmittelangebot und Marktbedingungen zusammenspielen. (Weltgesundheitsorganisation)
Aber die physikalische Grundlage bleibt bestehen: Ein dauerhafter Energieüberschuss begünstigt Gewichtszunahme.
Eine Ernährung, die stärker am tatsächlichen Bedarf orientiert wäre, hätte deshalb einen ersten unmittelbaren Gewinn: weniger Überversorgung und damit eine Verringerung eines wichtigen Risikofaktors für zahlreiche chronische Erkrankungen.
Und damit schließt sich der Kreis zum vorherigen Artikel: Prävention beginnt nicht in der Arztpraxis, wenn Diabetes, Bluthochdruck oder Gelenkprobleme bereits vorhanden sind. Sie beginnt unter anderem beim täglichen Essen.
2. Gewinn: Wir müssten erheblich weniger Lebensmittel produzieren
Hier beginnt die ökologische Dimension.
Man muss sich zunächst eine Zahl vor Augen führen:
2022 wurden weltweit rund 1,05 Milliarden Tonnen Lebensmittel auf der Ebene von Haushalten, Gastronomie und Handel weggeworfen.
Das waren etwa 19 Prozent der Lebensmittel, die Verbrauchern zur Verfügung standen. Allein die privaten Haushalte waren für rund 631 Millionen Tonnen verantwortlich. Zusätzlich gehen nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO bereits vor dem Einzelhandel etwa 13,2 Prozent der Lebensmittel verloren. (Wedocs UNEP)
Die beiden Prozentwerte darf man mathematisch nicht einfach zu 32,2 Prozent addieren, weil sie sich auf unterschiedliche Stufen und Bezugsgrößen beziehen.
Aber die Größenordnung ist dennoch erschreckend.
Wir bewirtschaften Flächen, bewässern Felder, düngen, halten und füttern Tiere, ernten, schlachten, kühlen, verarbeiten, verpacken und transportieren Lebensmittel, die am Ende niemand ernähren.
Nach UNEP werden durch Lebensmittelverluste und -verschwendung rund 28 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Fläche sowie etwa ein Viertel des in der Landwirtschaft eingesetzten Wassers und Düngers beansprucht. (UNEP – UN Environment Programme)
Das ist vielleicht die absurdeste Zahl der gesamten Rechnung:
Ein erheblicher Teil unserer landwirtschaftlichen Ressourcen wird für Nahrung eingesetzt, die letztlich nicht gegessen wird.
3. Gewinn: weniger Treibhausgase
Lebensmittelverschwendung ist deshalb auch Klimaverschwendung.
Nach FAO und UNEP verursachen Lebensmittelverluste und -abfälle schätzungsweise 8 bis 10 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. (FAOHome)
Das bedeutet nicht, dass sich sämtliche dieser Emissionen vermeiden ließen. Lebensmittelverluste wird es immer geben. Schalen, Knochen und andere nicht essbare Bestandteile lassen sich ebenso wenig vollständig vermeiden wie Ernteverluste oder Verderb.
Aber die Größenordnung zeigt das Potenzial.
Hinzu kommt die Zusammensetzung unserer Ernährung.
Der Weltklimarat IPCC kommt zu dem Ergebnis, dass ausgewogene Ernährungsweisen mit einem hohen Anteil an Getreide, Hülsenfrüchten, Obst, Gemüse, Nüssen und Samen und einem geringeren Anteil emissionsintensiver tierischer Produkte sowohl dem Klima als auch der menschlichen Gesundheit zugutekommen können.
Das technische Klimaschutzpotenzial veränderter Ernährungsweisen beziffert der IPCC für 2050 – abhängig davon, wie weit die Veränderungen gehen – auf 0,7 bis 8 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr. Gleichzeitig könnten mehrere Millionen Quadratkilometer Land für andere Nutzungen oder die Wiederherstellung von Ökosystemen frei werden. (IPCC)
Das ist keine Prognose, dass diese Einsparung tatsächlich eintreten wird. Es beschreibt ein technisches Potenzial verschiedener Szenarien.
Aber es zeigt, welche Größenordnung in unserer Ernährung steckt.
4. Gewinn: weniger Tierhaltung – und weniger Methan
Besonders relevant ist dabei die Tierhaltung.
In der Europäischen Union verursacht die Landwirtschaft ungefähr 12 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen. Ein wesentlicher Teil stammt aus Methanemissionen der Tierhaltung und Lachgasemissionen landwirtschaftlicher Böden. (Europäische Umweltagentur)
Das bedeutet nicht, dass wir sämtliche Tierhaltung abschaffen müssten.
Aber wenn weniger Fleisch und andere tierische Produkte konsumiert werden, müssen langfristig auch weniger Tiere gehalten und weniger Futtermittel erzeugt werden.
Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt eine Untersuchung der Universität Oxford mit Ernährungsdaten von mehr als 55.000 Menschen. Selbst Ernährungsweisen mit wenig Fleisch verursachten bei den meisten untersuchten Umweltindikatoren ungefähr 30 Prozent geringere Auswirkungen als Ernährungsweisen mit hohem Fleischkonsum. Die Umweltwirkungen veganer Ernährungsweisen lagen insgesamt ungefähr bei einem Drittel derjenigen von Menschen mit hohem Fleischkonsum. Untersucht wurden unter anderem Treibhausgase, Flächennutzung, Wasserbelastung und Auswirkungen auf die Biodiversität. (Leap Oxford)
Daraus folgt nicht, dass jeder Mensch vegan leben müsste.
Aber es folgt daraus ziemlich eindeutig:
Weniger tierische und mehr pflanzliche Lebensmittel können einen erheblichen Unterschied machen.
5. Gewinn: weniger Gülle, Ammoniak und Stickstoff
Über Tierhaltung und Klima wird viel gesprochen. Über Gülle und Stickstoff deutlich weniger.
Dabei ist auch diese Größenordnung bemerkenswert.
Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur stammten 2023 rund 94 Prozent der Ammoniakemissionen in der EU aus der Landwirtschaft. Zu den wesentlichen Quellen gehören Tierhaltung, Lagerung und Ausbringung von Mist und Gülle sowie Düngemittel. (Europäische Umweltagentur)
Stickstoff aus Tierhaltung und Düngung trägt zur Belastung von Gewässern und zur Eutrophierung von Ökosystemen bei. Übermäßige Stickstoffeinträge verändern gerade nährstoffarme Lebensräume und damit auch deren Artenzusammensetzung. (Europäische Umweltagentur)
Weniger Tiere bedeuten deshalb grundsätzlich auch weniger tierische Ausscheidungen.
Weniger Futtermittelproduktion kann darüber hinaus den Düngerbedarf und den Druck auf landwirtschaftliche Flächen verringern.
Hier begegnen sich Klima-, Wasser- und Artenschutz unmittelbar.
6. Gewinn: enorme Mengen landwirtschaftlicher Fläche
Vielleicht liegt hier das größte und am wenigsten wahrgenommene Potenzial.
Tiere benötigen nicht nur Weideland. Für viele Haltungssysteme müssen zusätzlich Mais, Soja, Getreide und andere Futtermittel angebaut werden.
Die Europäische Umweltagentur weist beispielsweise darauf hin, dass die EU fast zwei Drittel ihres proteinreichen Tierfutters importiert. Allein die Sojaimporte belaufen sich auf rund 30 Millionen Tonnen jährlich, größtenteils für Tierfutter. Die EEA verweist zugleich auf den Zusammenhang zwischen der Ausweitung des Sojaanbaus und Entwaldung beziehungsweise Biodiversitätsverlusten in Teilen Südamerikas. (Europäische Umweltagentur)
Unser Schnitzel oder Steak benötigt also nicht nur die Fläche, auf der das Tier steht.
Es kann indirekt Flächen auf einem anderen Kontinent beanspruchen.
Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung kann diesen Flächenbedarf erheblich reduzieren. Der IPCC spricht deshalb bei einer Veränderung der Ernährungsweisen von mehreren Millionen Quadratkilometern Fläche, die theoretisch bis 2050 frei werden könnten. (IPCC)
Diese Flächen müssen nicht zwangsläufig vollständig der Natur überlassen werden. Aber geringerer Flächendruck eröffnet Möglichkeiten für Aufforstung, Moore, natürliche Lebensräume, extensivere Landwirtschaft und andere Formen des Naturschutzes.
7. Gewinn: Biodiversität
Damit erreichen wir den Artenschutz.
Landwirtschaft benötigt Naturraum. Je mehr Fläche wir zur Produktion unserer Nahrung benötigen und je intensiver diese Flächen genutzt werden, desto größer kann der Druck auf natürliche Lebensräume werden.
Die Europäische Umweltagentur bezeichnet Landwirtschaft als eine wesentliche Belastung für Biodiversität, Wasserqualität und Bodengesundheit. Landwirtschaftliche Flächen machen etwa 39 Prozent der gesamten Fläche der EU aus. (Europäische Umweltagentur)
Wenn wir also weniger Lebensmittel unnötig produzieren und zugleich den Anteil besonders flächenintensiver Lebensmittel reduzieren, entsteht grundsätzlich Raum für eine weniger intensive Nutzung und für die Wiederherstellung von Ökosystemen.
Allerdings ist hier eine wichtige Einschränkung notwendig.
Tierhaltung ist nicht grundsätzlich ein Feind der Artenvielfalt.
Die EEA weist 2026 ausdrücklich darauf hin, dass extensive Beweidung für bestimmte europäische Kulturlandschaften sogar notwendig ist. Etwa ein Drittel der in der EU-Habitatrichtlinie aufgeführten Lebensraumtypen ist zumindest teilweise auf extensive Beweidung durch Rinder, Schafe, Ziegen oder Pferde angewiesen. (Europäische Umweltagentur)
Das Ziel kann deshalb vernünftigerweise nicht lauten:
keine Tiere mehr.
Sondern:
weniger intensive Tierproduktion, weniger Überproduktion und dort Tierhaltung erhalten, wo sie ökologisch sinnvoll ist.
8. Gewinn: weniger Ressourcenverschwendung
Ein Lebensmittel enthält gewissermaßen eine unsichtbare Vorgeschichte.
Für einen Joghurt musste eine Kuh gefüttert werden. Das Futter musste angebaut werden. Dafür wurden Fläche, Wasser und möglicherweise Dünger benötigt. Die Milch wurde gekühlt, transportiert, verarbeitet, abgefüllt, erneut gekühlt und in den Handel gebracht.
Wird der Joghurt anschließend ungeöffnet weggeworfen, verschwinden nicht nur 150 Gramm Lebensmittel im Müll.
Sämtliche Ressourcen seiner Herstellung wurden ebenfalls umsonst eingesetzt.
Genau deshalb bezeichnet UNEP Lebensmittelverschwendung als Verschwendung von Wasser, Land, Energie, Arbeit und Kapital. (UNEP – UN Environment Programme)
Und genau deshalb ist die Verringerung von Lebensmittelabfällen eine der Maßnahmen, bei denen ökonomische und ökologische Vernunft unmittelbar zusammenfallen.
9. Regional und saisonal – aber bitte richtig
Auch die Forderung nach regionalem Einkauf verdient eine Differenzierung.
Regional ist nicht automatisch ökologischer.
Eine regional erzeugte Frucht oder ein regionales Gemüse aus einem stark beheizten Gewächshaus kann unter Umständen eine schlechtere Klimabilanz haben als ein saisonal im Freiland erzeugtes Produkt aus einer weiter entfernten Region.
Deshalb sollte die Reihenfolge eher lauten:
saisonal, ressourcenschonend produziert und – wenn sinnvoll – regional.
Deutschland verfolgt inzwischen eine ähnliche Richtung. Die Europäische Umweltagentur verweist darauf, dass die deutsche Ernährungsstrategie pflanzenbetonte Ernährung, saisonale Produkte und Umweltaspekte ausdrücklich miteinander verbindet. Auch die aktuellen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung berücksichtigen inzwischen Umweltwirkungen. (Europäische Umweltagentur)
10. Gewinn: weniger vermeidbare Belastung unseres Sozialstaates
Der gesundheitliche Gewinn einer besseren Ernährung lässt sich nicht nur in vermiedenen Erkrankungen und gewonnenen gesunden Lebensjahren ausdrücken.
Er besitzt auch eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Dimension.
Wenn weniger Menschen infolge von Adipositas an Diabetes, Herz-Kreislauf- oder Erkrankungen des Bewegungsapparates leiden, geht es nicht allein um weniger Arztbesuche und Medikamente.
Es geht ebenso um Arbeitsunfähigkeit, Rehabilitation, Pflegebedürftigkeit und den möglichen vorzeitigen Verlust der Erwerbsfähigkeit.
Das Robert Koch-Institut spricht ausdrücklich von beträchtlichen Kosten, die Übergewicht, Adipositas und ihre Folgeerkrankungen für das deutsche Gesundheits- und Sozialsystem verursachen.
Eine große deutsche Untersuchung auf Basis von Krankenkassendaten errechnete auf damaliger Daten- und Preisbasis rund 29,4 Milliarden Euro direkte und weitere 33,7 Milliarden Euro indirekte adipositasbedingte Kosten pro Jahr – zusammen etwa 63 Milliarden Euro.
Diese Zahl stammt aus einer älteren Kostenrechnung und darf deshalb nicht als heutiger Betrag ausgegeben werden.
Interessanter als die absolute Zahl ist ohnehin, wo die Kosten entstehen.
Zu den direkten Belastungen gehörten Behandlung, Medikamente, Rehabilitation und Pflege. Die indirekten Kosten entstanden unter anderem durch Arbeitsausfälle, Arbeitslosigkeit, vorzeitigen Ruhestand beziehungsweise Erwerbsverlust und vorzeitige Sterblichkeit.
Andere deutsche Untersuchungen bestätigen den Zusammenhang. In den KORA-Studien stiegen die medizinischen und indirekten Kosten mit zunehmender Adipositas deutlich an. Bei Adipositas Grad III lagen sowohl die direkten als auch die indirekten Kosten ungefähr doppelt so hoch wie bei Menschen mit Normalgewicht.
Damit erweitert sich unsere bisherige Rechnung:
Weniger ernährungsbedingte Erkrankungen bedeuten potenziell weniger Behandlung, weniger Arbeitsausfall, weniger Rehabilitation und weniger krankheitsbedingten Verlust von Erwerbsfähigkeit.
Der Gewinn entsteht auf beiden Seiten der Rechnung
Für ein beitragsfinanziertes Sozialversicherungssystem ist das besonders wichtig.
Ein Mensch, der länger gesund und erwerbsfähig bleibt, benötigt möglicherweise weniger krankheitsbedingte Sozialleistungen und kann gleichzeitig länger arbeiten, Einkommen erzielen, Steuern zahlen und Beiträge zur Sozialversicherung leisten.
Gesundheit besitzt damit auch einen volkswirtschaftlichen Wert.
Die Deutsche Rentenversicherung macht diesen Zusammenhang sehr konkret. Führt Adipositas zu Folgeerkrankungen oder Funktionseinschränkungen, die die Erwerbsfähigkeit gefährden, kann eine medizinische Rehabilitation notwendig werden. Rund 70 Prozent der wegen Diabetes behandelten Rehabilitanden waren nach Angaben der Rentenversicherung zum Zeitpunkt der Behandlung adipös.
Natürlich lässt sich daraus nicht schließen, dass all diese Erkrankungen allein durch bessere Ernährung hätten verhindert werden können.
Aber es zeigt, wie eng Ernährung, chronische Erkrankungen und die Leistungsfähigkeit unseres Sozialstaates miteinander verbunden sind.
Gerade bei Kindern ist der Zeithorizont enorm
Besonders eindrucksvoll wird die Rechnung, wenn wir nicht erst im Alter von 50 oder 60 Jahren beginnen.
Eine deutsche Modellstudie kam zu dem Ergebnis, dass Übergewicht und Adipositas bereits im Kindesalter erhebliche indirekte Lebenszeitkosten verursachen können. Auf die damals betroffene deutsche Kinderpopulation hochgerechnet, errechneten die Wissenschaftler zusätzliche Lebenszeitkosten von rund 145 Milliarden Euro.
Das sind keine jährlichen Ausgaben und auch keine Prognose für den heutigen Bundeshaushalt.
Die Zahl verdeutlicht vielmehr etwas anderes:
Was in der Kindheit beginnt, kann über Jahrzehnte wirtschaftliche Folgen haben.
Damit bekommt Ernährungsbildung in Elternhaus, Kindergarten und Schule eine weitere Bedeutung.
Sie ist nicht nur der Versuch, Kindern gesünderes Essen beizubringen. Sie kann eine Investition in Jahrzehnte zukünftiger Gesundheit und Erwerbsfähigkeit sein.
Allerdings: Prävention ist kein Sparautomat
Hier ist eine Einschränkung wichtig.
Wir dürfen aus diesen Zahlen nicht die Rechnung machen:
Weniger Übergewicht = 63 Milliarden Euro weniger Sozialausgaben.
So funktioniert Gesundheitsökonomie nicht.
Nicht jede Adipositas ist vermeidbar. Nicht jede Folgeerkrankung lässt sich verhindern. Präventionsprogramme kosten selbst Geld. Und Menschen, die länger gesund leben, beziehen möglicherweise länger Rente und benötigen im hohen Alter ebenfalls medizinische Versorgung und Pflege.
Eine seriöse Präventionspolitik darf deshalb keine Milliardenersparnisse versprechen, die wissenschaftlich nicht nachweisbar sind.
Ihr eigentlicher Gewinn liegt zunächst woanders:
mehr gesunde Lebensjahre, längere Selbstständigkeit, höhere Lebensqualität und eine möglichst lange Erwerbsfähigkeit.
Dass damit gleichzeitig vermeidbare Kosten und Produktivitätsverluste reduziert werden können, ist ein zusätzlicher gesellschaftlicher Gewinn.
Unsere Lebensmittelrechnung endet deshalb nicht an der Supermarktkasse
Damit wird die Rechnung dieses Artikels noch umfangreicher.
Wir bezahlen Lebensmittel zunächst beim Einkauf.
Wir bezahlen für ihre Produktion mit Fläche, Wasser und Energie.
Wir bezahlen für unnötig produzierte Lebensmittel mit vermeidbaren Treibhausgasen, Dünger und Ressourcenverbrauch.
Wir bezahlen für weggeworfene Lebensmittel, ohne überhaupt einen Nutzen davon gehabt zu haben.
Und wenn dauerhafte Überversorgung und ungünstige Ernährung zur Entstehung chronischer Erkrankungen beitragen, bezahlen wir möglicherweise ein weiteres Mal – über Krankenversicherung, Rehabilitation, Pflege, Rentenversicherung, Steuern und volkswirtschaftliche Produktivitätsverluste.
Wir bezahlen unseren Umgang mit Nahrung also möglicherweise mehrfach: an der Ladenkasse, mit unserer Gesundheit, über unsere Sozialversicherungsbeiträge und Steuern und schließlich über Umwelt- und Klimafolgen.
Genau deshalb wäre eine bedarfsgerechtere Ernährung keine private Lifestylefrage. Sie berührt Gesundheitspolitik, Sozialpolitik, Wirtschafts- und Umweltpolitik gleichzeitig.
Und damit erhält die einfache Forderung dieses Artikels noch mehr Gewicht:
Nicht mehr produzieren, als wir brauchen.
Nicht mehr essen, als uns guttut.
Nicht wegwerfen, was wir mit großem Aufwand hergestellt haben.
Wir würden damit nicht sämtliche Finanzierungsprobleme unserer Sozialversicherungen lösen. Aber wir könnten einen Teil der Krankheitslast vermeiden, die diese Systeme zusätzlich tragen müssen. In einem Sozialstaat, dessen Sozialversicherung allein 2025 rund 937,5 Milliarden Euro ausgab und der aufgrund der demografischen Entwicklung ohnehin vor erheblichen Herausforderungen steht, sollte uns auch dieser Gewinn interessieren.
Was wäre also tatsächlich zu gewinnen?
Fassen wir die Größenordnungen zusammen.
Gesundheit: Eine bedarfsgerechte, ausgewogene und stärker pflanzenbasierte Ernährung adressiert gleichzeitig Überversorgung und mehrere ernährungsbedingte Gesundheitsrisiken. Die WHO empfiehlt ausdrücklich eine weitgehend pflanzenbasierte Ernährung und ein Gleichgewicht von Energieaufnahme und Energieverbrauch. (Weltgesundheitsorganisation)
Lebensmittel: Allein auf der Ebene von Haushalten, Gastronomie und Handel wurden 2022 weltweit 1,05 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet; zusätzlich gehen erhebliche Mengen bereits zuvor verloren. (Wedocs UNEP)
Klima: Lebensmittelverluste und -verschwendung verursachen etwa 8–10 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Eine weitreichende Veränderung der Ernährungsweisen besitzt nach IPCC-Szenarien zusätzlich ein technisches Minderungspotenzial von 0,7 bis 8 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalenten jährlich bis 2050. (FAOHome)
Land: Lebensmittelverschwendung bindet nach UNEP rund 28 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Fläche; stärker pflanzenbasierte Ernährung könnte zusätzlich große Flächen entlasten. (UNEP – UN Environment Programme)
Stickstoff und Gülle: Rund 94 Prozent der Ammoniakemissionen der EU stammen aus der Landwirtschaft; Tierhaltung und Wirtschaftsdünger gehören zu den wichtigsten Quellen. (Europäische Umweltagentur)
Biodiversität: Weniger Flächendruck, weniger Stickstoffeinträge und weniger Futtermittelbedarf können natürliche Ökosysteme entlasten. Gleichzeitig muss ökologisch wertvolle extensive Weidetierhaltung erhalten bleiben. (Europäische Umweltagentur)
Sozialversicherungen: Weniger Ausfälle auf Grund vermeidbarer Erkrankungen und weniger Ausgaben in diesem Bereich entlasten Beitragszahler und Staat und führen zu einer besseren Generationengerechtigkeit.
Und dafür müssten wir nicht einmal hungern
Vielleicht ist das der wichtigste Punkt.
Viele Umweltdebatten werden als Verzichtsdebatten geführt.
Dabei wäre der erste Schritt gar kein Verzicht im eigentlichen Sinne.
Nicht mehr essen, als wir benötigen. Nicht produzieren, was niemand isst. Nicht wegwerfen, was mit erheblichem Ressourcenaufwand erzeugt wurde. Tierische Lebensmittel nicht abschaffen, aber bewusster und in geringerer Menge konsumieren. Pflanzliche Lebensmittel stärker in den Mittelpunkt stellen. Saisonal und ressourcenschonend einkaufen.
Das wäre keine Rückkehr in eine Mangelgesellschaft.
Es wäre zunächst einmal das Ende eines erstaunlich verschwenderischen Umgangs mit einem lebensnotwendigen Gut.
Vielleicht liegt genau darin die Verbindung zum Übergewicht
Im vorherigen Artikel habe ich gefragt, warum wir Übergewicht und ernährungsbedingte Erkrankungen in großem Umfang entstehen lassen und anschließend enorme Anstrengungen unternehmen, ihre Folgen zu behandeln.
Nun zeigt sich, dass dieselbe Frage noch größer gestellt werden kann:
Warum produzieren wir mit erheblichem Einsatz von Fläche, Wasser, Energie und Dünger mehr Nahrung, als wir gesundheitlich benötigen – und werfen gleichzeitig einen beträchtlichen Teil davon weg?
Auf der einen Seite stehen Überversorgung und ernährungsbedingte Erkrankungen.
Auf der anderen Seite stehen Lebensmittelverschwendung, Treibhausgase, Methan, Stickstoffüberschüsse, Flächenverbrauch und der Verlust natürlicher Lebensräume.
Es sind nicht dieselben Probleme. Und es wäre unseriös, sie auf eine einzige Ursache zurückzuführen.
Aber sie haben einen bemerkenswerten gemeinsamen Berührungspunkt:
unseren Umgang mit Nahrung.
Vielleicht sollten wir deshalb Ernährung nicht länger nur als Privatsache betrachten.
Was wir auf unseren Teller legen, betrifft unsere Gesundheit. Was dafür produziert werden muss, betrifft Klima und Natur. Und was wir anschließend wegwerfen, betrifft beides.
Wir werden Klimawandel, Artensterben oder die Belastung unserer Gewässer nicht allein durch eine andere Ernährung lösen.
Aber wir könnten mehrere dieser Probleme gleichzeitig erheblich entschärfen – mit Veränderungen, die teilweise erstaunlich banal erscheinen:
Nicht mehr produzieren, als wir brauchen. Nicht mehr essen, als uns guttut. Und nicht wegwerfen, was wir mit großem Aufwand produziert haben.
Vielleicht wäre das tatsächlich ein guter Anfang.
Die 8–10 % bei Lebensmittelverschwendung würde ich im veröffentlichten Text unbedingt stehen lassen: Sie macht unmittelbar sichtbar, dass Wegwerfen ein Klimathema ist. Ebenso stark ist die Kombination aus 28 % landwirtschaftlicher Fläche für verlorene/verschwendete Nahrung und den 94 % Anteil der Landwirtschaft an den EU-Ammoniakemissionen. Wichtig ist aber, diese Zahlen – wie im Text – nicht einfach zu einer Gesamtersparnis zu addieren; die Wirkungen überschneiden sich teilweise.
Direkt zu den wichtigsten Originalquellen: WHO – Healthy Diet · UNEP – Food Waste Index Report 2024 · FAO – Food Loss and Food Waste · IPCC – Climate Change and Land · Europäische Umweltagentur – Landwirtschaft und Ernährung · EEA – Proteinversorgung, Tierhaltung und Umwelt 2026.
