Gesellschaft

Verschwörungserzählungen und politische Mythisierung

Erosion der Faktenbasis als Risiko für die demokratische Resilienz

In einer Ära multipler Krisen – geprägt von geopolitischen Verwerfungen, wirtschaftlicher Volatilität und dem Klimawandel – gerät der gesellschaftliche Konsens über eine gemeinsame Faktenbasis zunehmend unter Druck. Verschwörungserzählungen fungieren dabei nicht länger als bloße Randphänomene, sondern als strukturprägende Elemente der politischen Kommunikation. Ihre destabilisierende Wirkung entfaltet sich primär durch die Synergie aus emotionaler Mobilisierung, religiöser Symbolik und algorithmischer Verbreitung.

1. Psychologische Fundamente:

Die Attraktivität des Verborgenen
Forschungen, unter anderem am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM), belegen, dass der Glaube an Verschwörungen essenzielle psychologische Funktionen erfüllt:
• Komplexitätsreduktion: Multikausale globale Ereignisse werden auf einfache, absichtsvolle Ursachen zurückgeführt.
• Kontrollkompensation: Empfundener Kontrollverlust in Krisenzeiten korreliert direkt mit einer erhöhten Anfälligkeit für Verschwörungserklärungen (Whitson & Galinsky, 2008).
• Soziale Distinktion: Der Glaube stiftet Identität und Zugehörigkeit zu einer vermeintlich „erleuchteten“ Ingroup, die sich von der manipulierten Masse abhebt (Douglas et al., 2017).

Diese tief sitzenden Mechanismen erklären, warum reine Faktenkorrekturen („Debunking“) bei manifesten Weltbildern oft an ihre Grenzen stoßen.

2. Historische Kontinuität und instrumentelle Vernunft

Verschwörungserzählungen folgen historisch stabilen Mustern. Richard Hofstadter identifizierte den „paranoiden Stil“ bereits in den 1960er Jahren als wiederkehrende Komponente politischer Rhetorik. Hannah Arendt analysierte zudem, wie totalitäre Systeme Fakten durch fiktive Narrative ersetzen, um Machtansprüche moralisch zu absolutieren und politische Gegner zu entmenschlichen.

3. Digitale Transformation: Skalierung der Desinformation

Die Digitalisierung fungiert als Brandbeschleuniger:
• Virale Dynamik: Soziale Medien ermöglichen eine Verbreitung in Echtzeit, oft innerhalb geschlossener Echokammern.
• Affektlogik: Emotionale und visuelle Reize dominieren den Diskurs und drängen argumentative Auseinandersetzungen zurück.
• Synthetische Medien: KI-generierte Inhalte (Deepfakes, synthetische Bilder) unterhöhlen das Vertrauen in visuelle Evidenz.

Die OECD warnt in diesem Kontext explizit vor einer Gefährdung der „epistemischen Grundlagen“ – also der Fähigkeit einer Gesellschaft, sich auf Basis von Wissen zu verständigen.

4. Analyse: Politische Mythisierung am Beispiel Donald Trump

Ein aktuelles Beispiel für die Verschmelzung von Technologie und Mythos ist ein Post von Donald Trump auf Truth Social (April 2026). Die Veröffentlichung eines KI-generierten Bildes, das Trump in christusähnlicher Ikonografie zeigt, illustriert eine gezielte Strategie:

• Sakrale Überhöhung: Durch Lichtaura und religiöse Gestik wird Politik ins Metaphysische verschoben.
• Strategische Ambiguität: Die spätere Relativierung (die Darstellung eines „Arztes“) erlaubt es, die Mobilisierungswirkung im religiösen Milieu mitzunehmen, während man sich formale Kritikpunkte durch Umdeutung entzieht.
• Identitätspolitik: Das Bild fungiert als hochwirksamer Code für christlich-nationalistische Strömungen in den USA.

5. Geopolitische Dimension: Narrative als Machtinstrument

Verschwörungsmythen werden global strategisch eingesetzt:

• USA: Das „Deep State“-Narrativ dient der Delegitimierung staatlicher Institutionen (Justiz, Geheimdienste).
• Russland: Die Regierung unter Wladimir Putin nutzt Verschwörungserzählungen (z. B. über eine westliche Einkreisung) systematisch zur innenpolitischen Stabilisierung und zur hybriden Kriegsführung nach außen.
• Muster: Allen Ansätzen gemein ist die Konstruktion eines existenziellen externen Feindbildes bei gleichzeitiger moralischer Selbsterhöhung.

6. Fokus Deutschland und Europa: Die Rolle der AfD

In Deutschland ist die Anschlussfähigkeit solcher Narrative besonders im Umfeld der Alternative für Deutschland (AfD) zu beobachten.

6.1 Strukturelle Analogien

Begriffe wie „Systemparteien“ oder Anspielungen auf den „Great Reset“ knüpfen direkt an verschwörungstheoretische Denkmuster an. Diese Rhetorik zielt darauf ab, das Vertrauen in den parlamentarischen Pluralismus systematisch zu untergraben.

6.2 Empirische Befunde zur Radikalisierung

• Mitte-Studien (FES): Belegen eine signifikante Zunahme verschwörungsnaher Einstellungen in der Bevölkerung.
• Institutionelles Vertrauen: Die Bertelsmann Stiftung verzeichnet eine wachsende Entfremdung zwischen Teilen der Wählerschaft und staatlichen Institutionen.
• Sicherheitslage: Das BKA warnt vor einer zunehmenden Radikalisierung, bei der aus verbaler Agitation physische Gewalt gegen Repräsentanten des Staates erwächst.

7. Resümee und Handlungsperspektiven

Verschwörungserzählungen sind keine harmlosen Fiktionen, sondern Werkzeuge eines fundamentalen Kommunikationswandels, der die liberale Demokratie von innen heraus schwächt.

Strategische Gegenmaßnahmen:

– Stärkung der Medienkompetenz: Förderung der Urteilsfähigkeit gegenüber algorithmischer Manipulation (z. B. durch das LMZ BW).
– Proaktives Prebunking: Frühzeitige Aufklärung über gängige Desinformationsmuster, bevor diese verfangen.
– Transparenzoffensive: Politische Prozesse müssen in ihrer Komplexität verständlicher kommuniziert werden, um dem Gefühl der Intransparenz entgegenzuwirken.
– Förderung der Kohäsion: Bekämpfung der sozialen Polarisierung als Nährboden für Entfremdung.

8. Quellen

Primärquellen & Presse (Auswahl):

• Reuters (13.04.2026): Trump posts AI image of himself as Jesus-like figure.
• Washington Post / People Magazine (2026): Berichterstattung zur religiösen Symbolik in der US-Wahlkampagne.

Wissenschaft & Institutionen:

• Douglas, K. M., et al. (2017): The Psychology of Conspiracy Theories.
• Whitson, J. A., & Galinsky, A. D. (2008): Lacking Control Increases Illusory Pattern Perception.
• Lagebilder des BKA, Mitte-Studien der FES, OECD-Berichte zur Informationsintegrität.



Ergänzend in einem Artikel der Zeitschrift „MIT Technology Review“, 3/2026, Seiten 14ff, interessant nachzulesen:

Im Netz der Mythen

Das Timing war unheimlich. Am 21. November 1963 hielt der US-Historiker Richard Hofstadter eine Vorlesung über Ver-schwörungstheorien. Kaum 24 Stunden später wurde Präsident John F. Kennedy in Dallas ermordet. Dieses Ereignis machte Verschwörungstheorien weltweit populär.

Dabei tauchte der Begriff „Verschwörungstheorie“ gar nicht in Hoftstadters Vortrag auf. Der Titel seines Vortrags lautete The Paranoid Style in American Politics. „Ich nenne es den paranoiden Stil“, begann Hofstadter, „weil kein anderes Wort die hitzige Übertreibung, das Misstrauen und die verschwörerischen Fantasien angemessen beschreibt.“

Der Befund ist auch heute noch aktuell. Hofstadter arbeitete prägnant die historische Kontinuität verschwörungsgläubiger Politik heraus: „Der paranoide Stil ist ein altes und wiederkehrendes Phänomen in unserem öffentlichen Leben.“ Obwohl neue Technologien heute neue Narrative in einem neuen Umfang verbreiten, folgen sie alle einem ähnlichen Muster.

Hofstadters psychologische Interpretation der Politik ist umstritten. Doch das Aufblühen von Verschwörungstheorien lässt sich eher psychologisch erklären als durch wirtschaftliche oder andere äußere Faktoren. Entsprechende Forschung hat zum Beispiel gezeigt, dass wir dazu neigen, Absichten und Muster zu erkennen, wo keine sind. Wer eine geheime Verschwörung aufzudecken glaubt, fühlt sich heldenhaft und hat die II-lusion, die Kontrolle über das verwirrende Chaos des Lebens zu gewinnen.

Wie viele bahnbrechende Theorien zeigt auch die von Hofstadter im Rückblick ihre Schwächen. So unterschätzte er die bisherige und künftige Bedeutung des paranoiden Stils in der Mainstream-Politik. Verständlich, denn 1963 waren Verschwörungstheorien noch ein Randphänomen – vor allem, weil sie nur eine begrenzte Reichweite hatten und von den Machthabern damals noch stigmatisiert wurden. Hofstadter konnte nicht ahnen, dass jemand, der Verschwörungstheorien in Serie verbreitet, zweimal zum Präsidenten gewählt werden und seine Regierung mit Gleichgesinnten besetzen würde.

Wenn wir den paranoiden Stil besser verstehen, können wir zumindest die Fehler und Vorurteile in unserem eigenen Denken erkennen und uns selbst davor schützen. „Das Besondere am paranoiden Stil ist nicht, dass seine Vertreter hier und da Verschwörungen oder Komplotte sehen, sondern dass sie eine ‚gigantische‘ Verschwörung als treibende Kraft hinter historischen Ereignissen betrachten“, so Hofstadter. „Die Geschichte ist eine Verschwörung dämonischer Kräfte mit fast transzendenter Macht – und um sie zu besiegen, scheinen die üblichen Methoden des politischen Gebens und Nehmens nicht auszureichen, sondern nur ein umfassender Kreuzzug.“

Es versteht sich von selbst, dass diese mystisch vereinheitlichte Version der Geschichte nicht nur unwahr, sondern auch unmöglich ist. Sie ergibt in keiner Weise Sinn. Warum also scheint sie von Tag zu Tag beliebter zu werden?

Der erste, der Verschwörungstheorien als weit verbreitetes Phänomen beschrieb, war der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper. 1948 definierte er die „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“ als „Ansicht, dass die Erklärung eines sozialen Phänomens in der Entlarvung von Personen oder Gruppen besteht, die ein Interesse am Auftreten dieses Phänomens haben (das manchmal ein verstecktes Interesse ist und erst aufgedeckt werden muss), und die geplant und konspiriert haben, um es herbeizuführen“.

Nehmen wir eine plötzliche Katastrophe – einen Finanzcrash, einen verheerenden Brand, einen Terroranschlag oder einen Krieg. Der konventionelle Historiker wird versuchen, das Geflecht verschiedener Ursachen zu entwirren, von denen Böswilligkeit nur eine ist – und möglicherweise weniger wichtig als schlichtes Pech. Der Verschwörungstheoretiker hingegen sieht dahinter nur finstere Berechnung – einen teuflisch komplizierten Plan, perfekt ausgeheckt und ausgeführt. „Die Interpretation der Geschichte durch den Paranoiden ist eindeutig persönlich“, so Hofstadter. „Entscheidende Ereignisse werden nicht als Teil des Geschichtsverlaufs betrachtet, sondern als Wille einer bestimmten Person.“

Der Politikwissenschaftler Michael Barkun sieht hinter Verschwörungstheorien drei zentrale Annahmen: Alles hängt zusammen; alles geschieht vorsätzlich; nichts ist so, wie es scheint. Letzteres bedeutet, dass allgemein akzeptierte und dokumentierte Geschichte per Definition verdächtig ist und alternative Erklärungen, so abwegig sie auch sein mögen, eher der Wahrheit entsprechen.

Für die Publizistin Hannah Arendt bestand der Zweck von Verschwörungstheorien in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts „immer darin, die offizielle Geschichte als Witz zu entlarven“ und als „Fassade, die ausdrücklich errichtet wur-de, um das Volk zu täuschen“. (Diese Diktatoren waren natürlich selbst Verschwörer, die ihre eigene Vorliebe für geheime Intrigen auf andere projizierten.)

VON DER DETEKTIVGESCHICHTE ZUR FABEL

Barkun beschreibt drei Varianten von Verschwörungstheorien, die wie russische Puppen ineinander verschachtelt sind: Die „Ereignisverschwörungstheorie“ betrifft eine begrenzte Katastrophe wie den Reichstagsbrand von 1933 oder Covid-19. Diese Theorien können relativ plausibel sein, auch wenn sie nicht bewiesen werden können.

Die „systemische Verschwörungstheorie“ ist viel ambitionierter und gibt vor, zahlreiche Ereignisse als giftige Früchte einer geheimen internationalen Verschwörung zu erklären. So weit hergeholt sie auch ist, konzentriert sie sich doch zumindest auf namentlich genannte Gruppen, seien es die Illuminaten oder das Weltwirtschaftsforum.

Die dritte im Bunde ist schließlich die „Superverschwörungstheorie“. Sie ist jene unmögliche Fantasie, in der die Geschichte selbst eine Verschwörung ist, orchestriert von unsichtbaren Kräften mit fast übernatürlicher Macht und Böswilligkeit.

Die extremsten Varianten von QAnon gehen von einer solchen universellen Verschwörung aus. Sie versuchen, nichts Geringeres als die ganze Welt zu erklären. Damit einher gehen unterschiedliche Arten der Erzählung: Die erste Variante gleicht einer Detektivgeschichte, die anderen beiden eher Fabeln. Die Grenzen sind fließend. Nach der Ermordung Kennedys beispielsweise schufen Amateur-detektive eine erste Welle von Ereignisverschwörungstheorien mit relativ geschlossenen Handlungen und glaubwürdigen Attentätern wie Kubanern oder der Mafia.

Mit der Zeit wurden die Verschwörungstheorien immer umfassender. Warum sollte man sich auch auf mühsam recherchierte Hypothesen über einzelne Ereignisse beschränken, wenn eine einzige gigantische Verschwörungstheorie alles erklären kann? Als Oliver Stone 1991 seinen Film JFK heraus-brachte, waren die früheren ausgeklügelten Plots längst von gigantischen, langjährigen Verschwörungen verdrängt worden, von denen der Präsidentenmord nur eine Komponente war.

Eine von Stones Hauptquellen war der Journalist Jim Marrs, der später auch Bücher über die Freimaurer und UFOs schrieb.

GUT GEGEN BÖSE

In systemischen oder Superverschwörungstheorien geht es stets um elitäre Cliquen aus unglaublich mächtigen, von purer Bosheit getriebenen Individuen. Nur das Enthüllen verborgener Kenntnisse durch eine rechtschaffene Minderheit kann die Übeltäter entlarven und besiegen. Die Moral ist so simpel wie die Erzählung komplex: Es ist ein Kampf zwischen Gut und Böse.

Fällt Ihnen etwas auf? Das ist nicht die Sprache demokratischer Politik, sondern die der Mythen und Religionen. Tatsächlich stammt die grundlegende Botschaft aus der Offenbarung des Johannes. Verschwörungsgläubiges Denken lässt sich also als – oft säkularisierten – Ableger des apokalyptischen Christentums betrachten. Es ist ein verlockendes Geflecht aus Prophezeiungen, Zeichen und Geheimnissen sowie dem Versprechen einer gewaltsamen Lösung. „Die Götter wurden aufgegeben“, schreibt Popper. „Aber ihren Platz nehmen mächtige Männer oder Gruppen ein, deren Verdorbenheit für alles Übel verantwortlich ist.“

Tatsächlich fand der Historiker Norman Cohn bereits 1957 dieselben Denkmuster bei Sekten, die an die Wiederkehr Jesu und die Errichtung eines tausendjährigen Reiches glauben: „Die größenwahnsinnige Sicht auf sich selbst als Auser-wählte, vollkommen gut, abscheulich verfolgt, aber dennoch des endgültigen Triumphs sicher; die Zuschreibung gigantischer und dämonischer Kräfte an den Gegner; die Weigerung, die Grenzen und Unvollkommenheiten menschlicher Erfahrung zu akzeptieren.“ Deutlich wird die Verwandtschaft zwischen Verschwörungsglaube und apokalyptischer Religion beispielsweise bei QAnon, das sich von einer Verschwörungserzählung in einem Internetforum zu einer sektenähnlichen Bewegung gewandelt hat.

Die systemische Verschwörungstheorie etablierte sich nach der Französischen Revolution mit bemerkenswerter Ge-schwindigkeit. Einige entsetzte Revolutionsgegner wollten nicht wahrhaben, dass ein solcher Umbruch einfach auf das Volk zurückgehen könnte, und führten ihn auf finstere, unsichtbare Kräfte zurück. Sie einigten sich auf die Illuminaten – eine bay-erische, von den Freimaurern beeinflusste Geheimgesellschaft

Tatsächlich waren die Illuminaten jedoch nur eine kleine, zerstrittene Gruppe, die sich zum Zeitpunkt der Revolution 1789 längst aufgelöst hatte. Aber in der Vorstellung der einflussreichen Schriftsteller John Robison und Augustin Barruel waren sie überall. In den 1790er Jahren veröffentlichten sie „Enthüllungen“ über die Illuminaten und konstruierten auf einer Plattform aus plausiblen Behauptungen und überprüfbaren Fakten einen wackeligen Turm aus wilden Vermutungen und Unsinn. Robison behauptete etwa, die Revolution sei lediglich Teil eines „großen und bösen Plans“ mit dem Ziel, „alle Religionen abzuschaffen, alle Regierungen zu stürzen und die Welt in eine ausgeplünderte Ruine zu verwandeln“.

Diese Kernaussage bildete die Grundlage für die berüchtigte Fälschung Die Protokolle der Weisen von Zion, die erstmals 1903 in einer russischen Zeitung erschien. Der anonyme Autor erfand den Antisemitismus neu, indem er ihn mit einer großen Verschwörung verband und die Juden zu heimlichen Herrschern der Welt machte. In dieser Erzählung orchestrieren sie jeden Krieg und jede Rezession, um die Welt so zu destabilisieren, dass sie eine Tyrannei errichten können.

UNMÖGLICH ZU WIDERLEGEN

Man könnte sich fragen, wozu sie noch eine Diktatur brauchen, wenn sie doch ohnehin schon über eine solch weltbewegende Macht verfügen. Man könnte sich auch fragen, wie eine einzige Gruppe sowohl für den Kommunismus als auch für den Monopolkapitalismus, sowohl für Anarchie als auch für Demokratie verantwortlich sein kann. Aber gerade ihre enorme Widersprüchlichkeit machte es unmöglich, diese Verschwörungstheorie zu widerlegen. Sie schließt nichts aus, sodass jegliche Entwicklung als Bestätigung interpretiert werden kann.

1921 wurden die Protokolle als plumpe Fälschung ent-tarnt, abgeschrieben aus zwei obskuren Romanen des 19. Jahr-hunderts. Trotzdem blieben sie der Schlüsseltext des europäischen Antisemitismus. „Ich glaube an die innere, aber nicht an die faktische Wahrheit der Protokolle“, sagte Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. In Mein Kampf behauptete Hitler, dass die Bemühungen, die Protokolle zu entlarven, tatsächlich „Beweise für ihre Echtheit“ seien. Der Holocaust zeigte dann, was passieren kann, wenn ein Verschwörungstheoretiker an die Macht kommt und den paranoiden Stil zum Regierungsprinzip erhebt.

Die prominente Rolle jüdischer Bolschewiken wie Leo Trotzki und Grigori Sinowjew in der Russischen Revolution von 1917 ermöglichte dann eine Verschmelzung von Antisemitismus und Antikommunismus, die bis in den Kalten Krieg dau-erte. Kommunistenfresser wie Senator Joseph McCarthy und die John Birch Society schrieben den Kommunisten ein unheimliches Maß an Bosheit und Omnipräsenz zu, das weit über die reale Bedrohung durch sowjetische Spionage hinausging. McCarthy behauptete etwa, dass eine Reihe von Rückschlägen für die nationale Sicherheit nur dadurch zu erklären sei, dass der damalige Verteidigungsminister George C. Marshall ein sowjetischer Agent sei. „Dies muss eine so gewaltige Verschwörung sein, die alle bisherigen Unternehmungen dieser Art in der Geschichte der Menschheit in den Schatten stellt.“

Diese Verbindung von Antisemitismus, Antikommunismus und Paranoia über Geheimgesellschaften zieht sich durch die gesamte jüngere Geschichte. Spaniens rechter Diktator Franco behauptete beispielsweise, gegen eine „jüdisch-frei-maurerisch-bolschewistische“ Verschwörung zu kämpfen. Die Nazis verfolgten Freimaurer ebenso wie Juden und Kommu-nisten. Die Faschismus-Sympathisanten Nesta Webster und Gerald Winrod propagierten die Idee dann in Großbritannien und den USA. Sogar Winston Churchill ließ sich kurzzeitig von Webster überzeugen und sprach von einer „weltweiten Verschwörung zum Sturz der Zivilisation“. Webster und Winrod beeinflussten auch die 1958 gegründete rechtsradikale John Birch Society. Diese inspirierte später wiederum den Infowars-Gründer Alex Jones, den vielleicht bedeutendsten Verschwörungstheoretiker des frühen 21. Jahrhunderts.

Die Bösewichte hinter einem großen Komplott mögen Illuminaten, Weise von Zion, Kommunisten, Neue Weltordnung, Weltwirtschaftsforum oder George Soros heißen – ihre Namen sind austauschbar. Während Winrod behauptete, „die wahren Verschwörer hinter den Illuminaten“ seien Juden gewesen, argumentierte der Antikommunist William Guy Carr genau umgekehrt – dass nämlich antisemitische Paranoia „den Illuminaten direkt in die Hände spielt“.

Schon immer haben neue Technologien die Verbreitung von Verschwörungstheorien verstärkt. Ohne die Druckerpresse hätte sich beispielsweise der Hexenwahn nicht so weit verbreiten und so lange halten können. Der Hexenhammer des deutschen Hexenjägers Heinrich Kramer von 1486 erlebte bis 1600 sage und schreibe 28 Auflagen. Und Anfang des 20. Jahrhunderts erleichterte das Radio die faschistische Propaganda.

Heute ist es das Internet. Anfangs glaubte man naiv, es werde die Welt verbessern, indem es den Zugang zu Informationen demokratisiert. Doch die meisten von uns haben den menschlichen Hunger nach gefälschten Fakten zur Bestätigung der eigenen Vorurteile stark unterschätzt.

VERBINDUNGEN FINDEN

Lange Zeit wurden die phantasierten Behauptungen von McCarthy und den Birchers vom politischen Mainstream fernge-halten. Aber diese Distanz nahm in den 1990er Jahren rapide ab, als rechte Aktivisten eine ganze Industrie zur Produktion haarsträubender Behauptungen über Bill und Hillary Clinton aufbauten. Darin stellten sie diese nicht nur als korrupt oder unehrlich dar, sondern als böse oder gar satanisch. Was in In-ternetforen und Talkradios begann, fand im Laufe der Zeit seinen Weg zu Fox News, in Blogs und in soziale Medien. Als die Demokraten 2016 Hillary Clinton nominierten, sah ein bedeutender Teil der US-Öffentlichkeit in ihr ein Monster im Zentrum eines organisierten Verbrecherrings für Menschenhandel und Mord

Heute würde niemand mehr die Wirkung von Fehlinformationen unterschätzen. Es gibt kaum einen fruchtbareren Nährboden für Verschwörungstheorien als die sozialen Medi-en. YouTube, Facebook, TikTok und X haben sich zu Radikalisierungsmaschinen entwickelt. Ihre Algorithmen folgen dem Prinzip, dass Wut unser Engagement steigert. Damit bieten diese Plattformen ein nahtloses System, in dem Menschen aufregende Informationen finden, verbreiten und mit anderen falschen Fakten verknüpfen können. Und sie können sich zu ge-schlossenen, selbstbestätigenden Gemeinschaften verbinden, ohne das Haus verlassen zu müssen.

KI verschärft das Problem weiter. Der Chatbot Grok von Elon Musk gibt eher dessen persönliche Überzeugungen wieder als tatsächliche Fakten. Auch andere Chatbots neigen dazu, die Überzeugungen der Nutzer:innen zu bestätigen und zu ver-starken, selbst wenn diese auf Paranoia oder Hybris beruhen. Wenn Sie sich für den Helden in einem epischen Kampf zwischen Gut und Böse halten, werden die meisten Chatbots Sie darin bestärken.

Dieser digitale Lärm hat auch zum Verschwinden von Ereignis-Verschwörungstheorien geführt, wie solche, die um das JFK-Attentat gewoben wurden. Sie mögen zwar pseudowissenschaftlich gewesen sein, aber zumindest wurden dafür Dokumente geprüft, Beweise gesammelt und eine einigermaßen konsistente Hypothese aufgestellt. So fehlgeleitet die Schlussfolgerungen auch waren: Sie erforderten harte Arbeit und Engagement.

Heute erleichtert es das Internet, beliebige Verbindungen zwischen objektiv nicht zusammenhängenden Personen und Ereignissen herzustellen. Aktuelle Online-Verschwörungs-theoretiker arbeiten deshalb schamlos schlampig. Ob beim Angriff auf Paul Pelosi, den Ehemann der ehemaligen Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, im Oktober 2022 Ob bei den Morden an Melissa Hortman, Sprecherin des Repräsentantenhauses von Minnesota, und ihrem Ehemann Mark im Juni 2025. Und sogar bei der Ermordung des rechten Aktivisten Charlie Kirk im September 2025: In allen Fällen entstanden über Nacht Verschwörungstheorien, die schnell wieder verschwanden. Solche Theorien, wenn sie diese Bezeichnung überhaupt verdienen, sollen nicht der Wahrheitsfindung die-nen, sondern politische Gegner diffamieren und Opfer zu Tätern machen.

Schon bevor er für politische Ämter kandidierte, war Donald Trump dafür berüchtigt, falsche Geschichten über Barack Obamas Geburtsort oder die Sicherheit von Impfstoffen zu verbreiten. Er ist die grellbunte Verkörperung des paranoiden Stils.

Er verurteilt seine Gegner regelmäßig als „böse“ oder „sehr schlechte Menschen“ und spricht in apokalyptischen Worten über die Zukunft Amerikas. Es ist daher nicht überraschend, dass prominente Ver-schwörungstheoretiker nun für die nationale Sicher-heit, die öffentliche Gesundheit und das FBI verantwortlich sind. Selbst ehemalige Demokraten wie Tulsi Gabbard und Robert F. Kennedy Jr. fanden über Verschwörungserzählungen den Weg in Trumps politisches Lager. Die Falle zeigen, wie dieses Denken zu kontraintuitiven Allianzen führen kann und die traditionellen Vorstellungen von rechts und links durcheinanderbringt.

Die antidemokratischen Implikationen liegen auf der Hand. „Da es immer um einen Konflikt zwischen dem absolut Guten und dem absolut Bösen geht, ist nicht Kompromissbereitschaft gefragt, sondern der Wille, die Dinge bis zum Ende durch-zukämpfen“, schrieb Hofstadter. „Nur ein vollständiger Sieg ist gut genug.“

Angesichts dieses erkenntnistheoretischen Chaos kann man sich leicht hilflos fühlen. Denn systemische Verschwörungstheorien machen sich zudem ein grundlegendes Merkmal religiöser Prophezeiungen zunutze: ihre Flexibilität. Sie können widerlegt werden, ohne diskreditiert zu werden. Vielleicht geht die Welt nicht an dem vorhergesagten Tag unter, aber dieser große Tag wird dennoch kom-men. Der Prophet irrt sich nie – er hat nur noch nicht Recht bekommen

Die angeblichen Verschwörer:innen haben zwar nie wirklich Erfolg und werden auch nie entscheidend entlarvt – doch die Theorie bleibt trotzdem intakt. Die Behauptung, Covid-19 sei erfunden worden, um bürgerliche Freiheiten zu unterdrücken, verschwand auch dann nicht, als der Lockdown aufgehoben wurde. Muss die angebliche „Plandemie“ demnach nicht ein totaler Fehlschlag gewesen sein? Egal. Diese Art von Argumentation muss keinen Sinn ergeben.

Forschende, die versucht haben, Verschwörungstheorien über die Anschläge vom 11. September oder die Ermordung von JFK methodisch zu wi-derlegen, haben festgestellt, dass die Gebäude auch dann noch stehenbleiben, wenn alle Stützpfeiler weggebrochen sind. „Verschwörungstheorie“ ist eigentlich eine irreführende Bezeichnung. In Wirklichkeit handelt es sich um „Verschwörungsglau-ben“ – eine Weltanschauung, gestützt durch zahlreiche kognitive Verzerrungen und immun gegen Widerlegung. Wie bereits Goebbels andeutete, verblasst die „faktische“ gegenüber der „inneren Wahr-heit“ – was immer jemand dafür halten mag.

Aber zumindest können wir die gemeinsamen Wurzeln, Themen und Motive identifizieren. Diese haben sich als bemerkenswert konsistent erwiesen: Die Illuminaten waren Idealisten der Aufklärung, deren liberale Agenda laut Weishaupt „die Wolken des Aberglaubens und der Vorurteile ver-treiben“ sollte. Die Gruppe wurde als böse und zerstörerisch verteufelt. Wenn man nachweisen konnte, dass sie die Französische Revolution angezettelt hatten, dann war die gesamte Revolution eine Far-ce. Auf ähnliche Weise stellt die radikale Rechte heute jede Form progressiver Politik als anti-amerikanische Verschwörung dar. Die rechtsextreme „Theorie des großen Austauschs“ unterstellt etwa, dass die Eliten mit ihrer Einwanderungspolitik die einheimische Bevölkerung durch Außenstehende ersetzen wollen.

BEQUEME SÜNDENBÖCKE

Am 18. November 1961 lieferte Präsident Kennedy in einer Rede in Kalifornien seine eigene Definition des paranoiden Stils – zwei Jahre vor Hofstadters Vortrag und seiner eigenen Ermordung: „Es gab schon immer Menschen am Rande unserer Gesellschaft, die versucht haben, sich ihrer eigenen Verantwortung durch eine einfache Lösung, einen ansprechenden Slogan oder einen bequemen Sündenbock zu entziehen. Manchmal haben diese Fanatiker einen vorübergehenden Erfolg bei denen erzielt, denen der Wille oder die Weisheit fehlt, sich unangenehmen Tatsachen oder ungelösten Problemen zu stellen.

Aber mit der Zeit haben sich immer der gesunde Menschenverstand und die Stabilität des großen amerikanischen Konsenses durchgesetzt.“

Wir können nur auf einen Konsens darüber hoffen, dass das anhaltende Chaos und die unverhüllte Aggression der Trump-Regentschaft gewichtige Beweise gegen die Verschwörungstheorie der Gesellschaft sind. Die Vorstellung, dass irgendeine Gruppe erfolgreich das große Durcheinander der heutigen Welt, geschweige denn den Lauf der Geschichte über Jahrzehnte hinweg unbemerkt lenken könnte, ist offensichtlich absurd. Wichtig ist nicht, dass die Details dieser oder jener Verschwörungstheorie falsch sind, sondern, dass die gesamten Prämissen dieser Weltanschauung unwahr sind.

Nicht alles hängt zusammen, nicht alles geschieht vorsätzlich, und vieles ist tatsächlich so, wie es scheint.

Literatur

Augustin Barruel: Histoire du Clergé pendant
la Révolution Française (1793)

John Robison: Proofs of a conspiracy against all the religions and governments of Europe (1797)

Karl Popper: Towards a Rational Theory of
Tradition (1948)

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler
Herrschaft (1951)

Norman Cohn: The Pursuit of the Millennium (1957)

Richard Hofstadter: The Paranoid Style in American
Politics. Harper’s Magazine (November 1964)

Michael Barkun: A Culture of Conspiracy (2003)

Anna Merlan: Republic of Lies (2019)