Schön und klug … oder doch nicht
Die menschliche Psyche ist bekanntermaßen sehr komplex, aber immer wieder überraschen die Ergebnisse empirischer Untersuchungen, vor allem aber die medialen Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden.
Auf Grund eines Artikels in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft – Kompakt, 17/23“ über Schönheit und der Problematik in persönlicher und gesellschaftlicher Hinsicht, hier einige Gedanken.
Demnach sollen viele Menschen nicht mehr in der Lage sein, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen oder sie bewegen sich grundsätzlich zu wenig in der realen Welt. Denn die Darstellungen der virtuellen Welt sollen deren Wahrnehmung maßgeblich verzerren und sie zu irrationalen Handlungen und Denken verleiten. Daher sollen z.B. Beautiyfilter für die Bildbearbeitung verboten werden oder zumindest deren Einsatz verpflichtend kenntlich gemacht werden.
In der Wissenschaft scheint Einigkeit darüber zu bestehen, dass das individuelle Schönheitsempfinden einerseits kulturell und andererseits durch die evolutionäre Entwicklung des Menschen geprägt sei.
Es wurde zwar festgestellt, dass in den unterschiedlichen Regionen der Welt unterschiedliche Schönheitsideale existieren, aber z.B. das „Kindchenschema“ (runder Kopf, große Augen, Stupsnase), offensichtlich über alle Ethnien ähnlich attraktiv sei. Man vermutet, dass der dadurch ausgelöste Beschützerinstinkt einen Überlebensvorteil darstellt.
Körperliche Eigenarten, die auf eine gute Gesundheit und gute Fortpflanzungschancen hinweisen scheinen ebenfalls das Schönheitsideal weltweit positiv zu beeinflussen.
Darüber hinaus sei unser Schönheitsempfinden von der Gewohnheit geprägt. Je häufiger man mit einem gewissen optischen Eindruck konfrontiert würde, desto eher sei man bereit diesen als schön zu empfinden.
In Europa würde ein eher schlanker und dennoch athletischer Körperbau als schön empfunden. Bei Frauen würde derzeit der Stil „slimthick“ (Latina) favorisiert.
Hier setzt dann auch die Kritik an den sozialen Medien an, die ein künstliches und mitunter unerreichbares Schönheitsideal auf diesen Grundlagen vermitteln würden und damit bei den Internetjunkies eine Lawine an unerwünschten Verhaltensweisen lostreten würden.
Gemeint sind damit die vielen übertriebenen, zum Teil krankhaften Verhaltensweisen der Konsumenten, von Abnehmen und folgendem Jojo-Effekt, über extensives Muskeltraining unter Verwendung von Anabolika, bis hin zu operativen Eingriffen, die teilweise bereits im jugendlichen Alter geplant und auch umgesetzt würden. Ebenso aber auch mentale Erkrankungen, weil idealisierte Schönheitsvorgaben in unerreichbarer Ferne entrückt seien und Menschen daran verzweifelten, weil sie diese vermeintlich nicht erreichen könnten.
Aber was passiert denn in den Häusern und auf den Straßen?
Wir wissen heute, dass ein gemäßigter Fettanteil am Körpergewicht und eine angemessene sportliche Aktivität der Gesundheit ebenso zuträglich sind, wie gesellschaftliche Teilhabe, eine ausgewogene Ernährung und eine angemessene Bewegung in der Natur.
Der Mensch ist von Natur aus ein Läufer und kein Stubenhocker. Biologisch ist er darauf eingestellt, dass Nahrung nicht im Überfluss verfügbar und nur im Ausnahmefall kalorienreich ist. Nahrung musste durch Sammlung und Jagd oder später durch Ackerbau und Viehzucht arbeitsaufwendig gejagt oder erzeugt werden. Schon immer haben Menschen in Gemeinschaften zusammengelebt und anstehende Arbeiten, Probleme und Freuden geteilt, um Zusammenhalt in dieser Gemeinschaft zu erreichen.
Und was machen wir schon seit etlichen Jahren in der westlich geprägten Welt?
Wir leben in einem kulinarischen Schlaraffenland. Überaus nährwertreiche Speisen und Getränke stehen ohne viel körperliche Anstrengungen jederzeit und in maßloser Menge zur Verfügung.
Das führt dazu, dass ganze Bevölkerungskreise adipös und antriebslos werden und infolgedessen erkranken. Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft kommt aus dem Staunen kaum heraus und wähnt sich oft in einem riesigen Mastbetrieb.
Bewegung ist häufig nur noch etwas für Exoten und wenn doch, dann zu Hause auf dem Laufband oder im Trimm-Center.
Eine andere Fraktion widmet sich intensiv dem Körperkult und der Selbstoptimierung. Da werden der Fantasie und dem Handlungsdrang keine Grenze gesetzt. Es werden Duftstoffe bis zum olfaktorischen Overkill aufgetragen. Trainingseinheiten in der Muckibude werden ausgeweitet, bis die Haut reißt. Der Körper wird mit Tattoos und Implantaten malträtiert, Überflüssiges weggeschnitten und fehlendes herbeioperiert. Da werden Fingernägel zu bunten Krallen und der Kakadu hat offensichtlich für jeglichen Verschönerungshang Pate gestanden.
Man verbringt seine Zeit in einer virtuellen Realität und schreit vor dem TV die unfähigen Fußballer an („Nun beweg Dich doch endlich!), während man selbst auf der Couch liegt und Chips und Bier in sagenhaften Mengen vertilgt.
Wenn man sich dann doch mal in Gesellschaft begibt, dann in der Kneipe, im Stadion oder dem Schützenfest. Genau dort, wo der intellektuelle Austausch fröhliche Urstände feiert und Gleichgesinnte und Gleichgebaute ihr Bier und ihre Wurst immer fest im Auge behalten.
Wenn die virtuelle und die wirkliche Welt dann aufeinanderprallen, kommt es unweigerlich zum Konflikt. – Couchpotato vs. Superman and Wonderwoman
Aber was läuft denn dann schief auf dem Weg zu einem zufriedenen Leben, wenn nicht wirkliche Gebrechen oder sonstige auffällige Anomalitäten den Weg verbauen?
In der Literatur wurden schon immer Heroen und Diven hochstilisiert. Reicher Mann heiratet schönes armes Mädchen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute … . Die Fantasie konnte sich von der Realität loslösen und den Träumer in fantastische Welten entführen.
Irgendwann eroberten die Bilder die Welt und lernten schließlich laufen. Die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters lassen jetzt aber die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen.
Sicherlich dringen Fakebilder und vor allem -inhalte in das heutige Leben vehement ein und können Tatsachen verzerren und sogar ins Gegenteil verdrehen. Überall dort, wo eine Verifikation schwierig oder gar unmöglich ist (Ereignisse jenseits des eigenen Erlebnishorizonts), kann es zu kritischen Erkenntnislagen kommen, die bestenfalls verhindert werden müssen.
Aber der Blick nach draußen, in die reale Welt ist keinem verboten. Und …
Wo sind denn die ganzen Athleten und Latinas in unserer Umgebung?
Wo denn sind alle die Hirnakrobaten, die der Beliebigkeit, dem tumben Volk und dessen Parolen die Stirn bieten?
Ja, vereinzelt gibt es sie, die „One of the sexiest and smartest man and women alive“. Aber selbst in den Fitnessstudios und den Schönheitsfarmen, den Theatern und Talkshows gibt es oft nur Durchschnitt. Aber allerspätestens auf den Straßen und Plätzen sind sie die absolute Minderheit. Hier regiert der durchschnittliche Geschmack und das Übermaß, sowohl in der Konfektion, als auch im Kopf und auf den Tellern.
Augenscheinlich erkennbar, dass mit den schönen Bildern aus dem Internet irgendetwas nicht stimmen kann.
Für Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, also noch kein Grund zur Verzweiflung.
Anders wird es dann, wenn die Menschen sich in ihrer Wahrnehmung von der Realität entfernt oder abgekoppelt haben und dann sogar selbst, wie heute häufig zu beobachten, im Shitstorm über Menschen herziehen, die sich dem vermeintlichen viralen Mainstream entziehen, oder auf Grund körperlicher oder geistiger Gebrechen oder Auffälligkeiten medial oder reell ausgesondert werden. Schlimmer noch, wenn sich Menschen selbst aussortieren, weil sie diesem Pranger zuvorkommen wollen.
Das Problem liegt also eher im Betrachter als im Bild. Warum also Bilder und Bildbearbeitung verbieten, wenn man nur die Augen aufmachen, in die Welt treten und etwas ändern müsste.
Außerdem haben die meisten Menschen es selbst in der Hand sich geistig und/oder körperlich zu ertüchtigen.
Müssen wir denn wirklich den Menschen vor seiner eigenen Dummheit und Apathie schützen?
Sicherlich ist Erfolg nicht immer einfach zu erreichen, denn er ist in den seltensten Fällen einfach zu erringen und wenn doch, dann meist nicht nur aus eigener Kraft oder zumindest nicht nachhaltig.
Ich rede hier ausdrücklich von reversiblen Merkmalen eines Menschen und nicht von krankhaften oder auch nur irreversibel kosmetischen.
Warum laufen wir also nicht durch die Welt und schauen uns an, was uns geboten wird und orientieren uns an der Wirklichkeit und unserer eigenen individuellen Lebensleistung, anstatt an den mit Beautyfiltern aufgehübschten Darstellungen, aufgepeppten Lebensläufen und gefakten Erfolgsstorys zu verzweifeln?
Was individuell nicht erreichbar war, muss der Einzelne und seine Umgebung dann leider hinnehmen oder ggf. sogar ertragen, auch wenn es manchmal im Nachhinein bitter sein mag. Warum muss man daran erkranken, nicht dem Gardemaß zu entsprechen? Es wird immer Gruppen geben, die dem aktuellen Schönheits- und Lebensideal nicht entsprechen, egal ob dieses sich gerade an dünn, dick oder groß, klein oder farbig, weiß oder reich/arm orientiert.
Warum muss der moderne Mensch jeder Modeerscheinungen einer Konsumgesellschaft kritiklos hinterherlaufen? Die Welt braucht nämlich keine „neue Männer“, sondern lediglich denkende Menschen (m/w/d)!
Warum werden Menschen gedemütigt, die der modischen Norm nicht entsprechen? Sind wir denn alle (die vermeintliche Krone der Schöpfung) nur tumbe Herdentiere?
Heben wir uns nicht insbesondere durch unsere enorme intellektuelle Leistungsfähigkeit von dem Rest der Flora und Fauna ab?
Wohin ist der autarke, kritisch denkende Mensch denn entschwunden?
Wir müssen an uns arbeiten und nicht nur an den Umständen! Es ist der Mensch, der sein Umfeld prägt. Selbst Schwarzpulver ist eine segensreiche Erfindung, solange man es nicht in eine Hülle packt und eine Kugel aufpfropft.
Ist es denn darüber hinaus so inakzeptabel, dass Menschen nicht alle gleich sind und eben nicht alle die gleichen Chancen haben? Könnte tatsächlich jeder Superstar, Spitzensportler, Fotomodell, Firmenmanager oder Philosoph werden?
Sollten wir als homo sapiens sapiens nicht die Fähigkeit besitzen, uns im Rahmen unserer individuellen körperlichen und geistigen Möglichkeiten zu entwickeln und das Ergebnis dann zu akzeptieren?
Jeder kann doch im Rahmen seiner Möglichkeiten Sport treiben, sich herrichten, verantwortlich handeln und Dinge tun und hinterfragen. Jeder hat in unserer freien Welt das Recht, sein Leben frei zu gestalten, solange er nicht gegen die Gesetze verstößt.
Wenn man gemacht hat, was geht, besteht doch meistens kaum ein Grund zur Verzweiflung oder gar zur Diskriminierung anderer Menschen wegen deren anderen Ausprägungen, sondern könnte zufrieden auf sein Lebenswerk blicken. Der Blick in die Runde zeigt in den meisten Fällen, dass man sich irgendwo in der großen Mitte der Gesellschaft bewegt. Dazu zählen nicht nur optische Attribute, sondern ebenso gesundheitliche und geistige Fähigkeiten, Weltanschauung oder andere Ausprägungen von Persönlichkeiten. Warum gehen wir dann damit nicht gelassener um und lassen andere in Ruhe, solange sie das mit uns auch tun?
Es stellt sich noch die Frage, wo die Diskriminierung anfängt und wo der Zeitgeist (Hervorhebung von Betroffenheitsritualen von Minderheiten) zuschlägt.
Sicherlich kann man übergewichtige Menschen in der Werbung darstellen, warum auch nicht! Wer es mag, soll sich dran ergötzen! Aber muss man das jetzt zum Mantra erheben? Warum dann nicht auch Menschen mit irritierenden körperlichen Verunstaltungen oder geistigen Behinderungen zur Werbung präsentieren? Ist das dann plötzlich eine widerliche Zurschaustellung von Gebrechen, während das bei der Darstellung übergewichtiger Menschen eine gewollte Anerkennung von Diversität ist? Zumal Übergewicht in sehr vielen Fällen zwar höchst ungesund (also unerwünscht), aber umkehrbar wäre. Fehlende Beine hingegen kann man nicht so eben ersetzen!
Müssen alle eine eigene Betroffenheitsecke haben? Scheint heute so zu sein. Scheint sich gut anzufühlen.
Ich stehe auf dem Standpunkt, dass der Mensch seine Sinne zur Wahrnehmung und Einordnung seiner Umwelt hat und sie auch dazu gebrauchen sollte. Krasse Fehlentscheidungen muss man allerdings intellektuell aufarbeiten, sobald man sich derer bewusst wird oder darauf hingewiesen wird. Dazu muss man seine Sinneseindrücke im Kontext eines sozial erwünschten Verhaltens beurteilen und seine Handlungen und Meinungsäußerungen ggf. anpassen.
Der Leitsatz dazu sollte sein, dass alle Menschen einen unangreifbaren Anspruch darauf haben in ihrer persönlichen Ausprägung akzeptiert zu werden. Das kann aber umgekehrt nicht heißen, dass alle Ausprägungen vom Gegenüber oder von der Gesellschaft geliebt werden müssen.
Im Gegenteil, die Gesellschaft darf unerwünschtes Verhalten sanktionieren und das Individuum darf seine Vorlieben für sich und seine Lebensgestaltung als Maßstab anlegen und den Umgang mit Menschen anderer Ausprägung präferieren oder ablehnen. Das beinhaltet auch das Recht Lebenseinstellungen und Denkweisen der Umwelt mitzuteilen und zur Diskussion zu stellen, auch extreme. Ein wokes Ablehnen von Gedanken und Veröffentlichungen ist dabei ebenso abzulehnen, wie ein absichtliches Herabsetzen von Menschen oder deren Meinungen. Jeder muss andere Lebensauffassungen und deren Veröffentlichung genauso dulden, wie der Verfasser die ggf. angebrachte Kritik ertragen muss, solange niemand indoktriniert oder verletzt wird.
Es müsste also eigentlich niemand in Depressionen verfallen, weil er irgendwo geäußerten Idealvorstellungen nicht entspricht. Denn das wäre nicht schlau, da uns der Blick in die reale Welt die weltumspannenden Unzulänglichkeiten präsentiert.
Aber man darf sich mühen, seinem eigenen Ideal oder dem seiner Peergroup möglichst nahe zu kommen, denn es wäre unrealistisch anzunehmen, dass es so etwas nicht gäbe.
Allerdings müsste jeder aufhören Andere zu diskriminieren, weil sie anders denken, aussehen oder sich anders verhalten und noch wichtiger, man sollte aufhören, Andere für seinen eigenen Mist verantwortlich zu machen und verlangen, dass Andere das auch noch gut finden. Vor allem aber muss jeder für sein eigenes Handeln selbst die Verantwortung übernehmen!
Wer auf der Couch verbleibt, darf sich nicht beklagen, denn der Erfolg kommt meist nur mühsam!
Sagt ein fast 70-jähriger, der nach seinem frühen schulischen Scheitern alle Schulabschlüsse in der Abendschule nachgeholt und schließlich an der FH studiert hat, über 50 Jahre gearbeitet hat, weiterhin regelmäßig Sport treibt, sich sehr viel in der Natur bewegt und dadurch seinen BMI und seinen Blutdruck in den Griff bekommen hat, viel im Internet unterwegs ist und gelernt hat mit seinen mannigfaltigen Unzulänglichkeiten zu leben.
