Lassen wir Vernunft walten!
Die fünf Säulen der Vernunft
(Spektrum der Wissenschaft Kompakt – 30.23)
Rationales Denken macht den (vernunftbegabten) Menschen aus, aber manchmal handeln wir impulsiv und unvernünftig.
Dabei steht unbestritten fest, dass Intelligenz bestimmt hilfreich ist, wenn man rationale Entscheidungen treffen will, dennoch handelt sich um zwei unabhängige Kategorien.
Auch intelligente Menschen lassen sich sehr häufig von Impulsen steuern, denn der IQ ist nur eine Maßzahl für die intellektuelle Grundausstattung, wobei Rationalität/Impulsivität das tägliche Handeln bestimmen. Hier muss man auch bereit sein und die Muße haben, seinen Intellekt einzusetzen.
Nach einer Untersuchung des Psychologen Keith Stanovich von der Universität Toronto besteht sogar nur eine sehr schwache statistische Korrelation zwischen der Höhe des persönlichen IQ und einer im Einzelfall vernünftigen Handlungsweise.
Wie kommt es dazu, dass wir zum Teil wider besseres Wissen impulsiv und unüberlegt handeln?
Gelerntes, Gewohntes, Einfaches und Verführerisches verleitet uns zu impulsiven Verhalten. Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann unterscheidet zwischen dem intuitiven Urteilsvermögen und dem bewussten Sichten und Abwägen von Informationen. Ersteres geschieht rasch, energiesparend aber leider auch ungenau, in dem es Erfahrungen und Faustregeln gelten lässt. Rationales Denken arbeitet hingegen relativ exakt, benötigt aber entsprechend viel Zeit und Energie. Beide Systeme laufen nach Kahmanns Untersuchungen parallel, wobei ersteres vielleicht schon längst zugeschlagen hat, bevor die Abwägung überhaupt beginnen kann.
Beide Systeme haben ihre Berechtigung. Würde man immer alles zeitaufwendig abwägen wollen, wären wir im täglichen Leben gar nicht handlungsfähig und nur zu oft fehlt uns schlicht das Wissen, um diese Abwägungen überhaupt treffen zu können. Andererseits ist es auch nur zu bequem sich auf mehr oder weniger irrationale „Wissen“ zu berufen oder es entspricht einer Lebenseinstellung.
So zum Beispiel, wenn wir den verlockenden Versprechungen der Homöopathie erliegen, wonach man einen giftigen Stoff nur angemessen verdünnen muss, um dann mit den resultierenden Globuli die ursprüngliche Vergiftung zu heilen. Tatsächlich ist aber, dass bis auf den Placebo-Effekt im Rahmen der Homöopathie eine pharmakologische Wirkung von Globuli wissenschaftlich nicht nachweisbar ist.
Ebenso geht es mit Aussagen, dass geheime Mächte die gesamte Welt regieren, dass das Armageddon bevorstehen würde und anderen Verschwörungstheorien.
Hierhin gehören gewiss auch Vorurteile, die im Laufe des Lebens entstanden sind und zum Teil durchaus ihre Berechtigung haben. Hätten unsere Vorfahren immer erst überlegt, ob der „Kater“ vor dem Höhleneingang schmusen oder fressen wollte, hätte unsere Spezies vielleicht nicht überlebt.
Fühlte man sich hingegen beim Autokauf öfters übervorteilt, ist es nur ein kleiner Schritt alle Autohändler zu kriminalisieren. Dabei ist es unbestreitbar, dass der Neu- und/oder Gebrauchtwagenverkauf seine Berechtigung hat.
Als rational gilt Kognitionsforschern dagegen, nach dem Sparsamkeitsprinzip nicht vorschnell Theorien zu übernehmen, für die es keine triftigen Gründe gibt. Irritierender Weise sind Menschen aber nicht immer gewillt, empirische Beweisführungen gelten zu lassen. Die amerikanischen Psychologen Pennycook und Rand haben 3.500 Menschen echte und gefälschte Meldungen vorgelegt und siehe da, entscheidend Fake-News zu akzeptieren waren nachweislich nicht die analytischen Fähigkeiten der Probanden, sondern deren aktuelle Lust sich mit dem betreffenden Thema auseinanderzusetzen.
Der Trend zur Individualisierung des eigenen Lebens führt darüber hinaus offensichtlich auch dazu, sogar Expertenmeinungen in Frage zu stellen und eigene „Wahrheiten“ oder die der Meinungs-Bubble zu präferieren (z.B. Impfgegner). Hier kommt es sehr oft auf die „Verarbeitungsflüssigkeit“ von Informationen an. Ist das Gehörte mit meiner bisherigen Meinung konform, intuitiv erfassbar, und gut erzählt, glaubt man diesen eher, als wenn man sich mit der Thematik zunächst intensiv auseinandersetzen oder sogar sein Meinungsbild ändern müsste. Wobei gerade diese sperrigen Informationen der Wahrheit meistens näherkommen. Bei einfachen Lösungen, wie sie z.B. von Populisten angeboten werden, müssten eigentlich sofort alle Alarmglocken läuten und rationales Denken beginnen.
Wie wenig Intelligenz mit rationalem Denken zu tun hat zeigt sich allein schon darin, wie viele hochintelligente Menschen bereit sind jeglichen religiösen Aberglauben entgegenzunehmen und sogar aktiv zu verbreiten. Bis hin zu Straftaten und deren Vertuschung, wie bei sexueller oder mentaler Vergewaltigung, genitaler Verstümmelung von Kindern und Aufrufen zu heiligen Kriegen.
Bei der rückwärtigen Betrachtung von Entscheidungen aus der Vergangenheit unterliegt der wenig rational denkende Mensch schnell einem Denkfehler, indem nachträglich erfahrenes Wissen zur Beurteilung der damaligen Entscheidung hinzugezogen wird und diese dann als falsch deklariert werden.
Sicherlich sollte der rational denkende Mensch aus seinen Erfahrungen, zu denen ganz gewiss auch Fehler gehören, lernen. Das heißt aber nicht, dass rationale Entscheidungen der Vergangenheit plötzlich verwerflich sind. Die auf eine Entscheidung folgende Entwicklung der Begebenheiten und auftretenden Störeinflüsse konnten ggf. nicht vorhergesehen werden und dürfen daher nicht zu deren nachträglichen Be- oder Verurteilung herangezogen werden. So auch Ralph Hertwig vom Berliner Max-Plank-Institut für Bildungsforschung, nachdem Menschen sich nur sehr schwer auf einen vorherigen Wissensstand zurückversetzen können.
Wie kann man aber diese und andere Denkfehler vermeiden? Die Studienlage gibt uns dafür fünf Verhaltensregeln an die Hand:
1. Den ersten Einfall hinterfragen
Komplizierte Szenarien müssen meist mühevollhinterfragt werden. Die erste Lösungsidee ist nicht immer die beste! Dazu sind Menschen eher bereit, die dem rationalen Denken einen größeren Wert beimessen. Sie müssen es dann nur noch wirklich wollen und letztendlich auch tun!
Leider stehen viele Menschen der rationalen Lebens- und Denkweise zunehmend kritisch gegenüber. Empathie, Bauchgefühl und wokes, sozial erwünschtes Denken stehen heute hoch im Kurs und untergraben den wissenschaftlichen Diskurs.
So wird z.B. auf medizinischer Seite immer mehr auf die Unterschiedlichkeit männlicher und weiblicher Körper und deren Reaktion auf Behandlungsweisen hingewiesen, wo hingegen im Rahmen von Gender Mainstreaming den grundlegend anderen Bedürfnissen junger Menschen nicht mehr Rechnung getragen werden soll. Ein wissenschaftlicher Irrweg, aber derzeit ein sozial erwünschter Mainstream vermeintlich woker Menschen, dessen Auswirkungen wir in etlichen Jahren ertragen müssen.
2. Wahrheit schätzen, ohne darauf zu pochen
Wer angegriffen wird verfällt schnell darauf Wahrheiten zu verbiegen und nur die Argumente gelten zu lassen, die seine Sichtweise unterstützen. Andere werden nicht beachtet oder durch vermeintliche Erkenntnisse (Ich kenne jemanden, der hat Lungenkrebs, ohne je geraucht zu haben.) diskreditiert.
Menschen haben aber auch das unterschiedlich stark ausgeprägte Bedürfnis zur kognitiven Geschlossenheit. Drohen eigene Wertesysteme untergraben zu werden, machen Menschen mit einer höheren Ausprägung dieser Eigenart geistig dicht, um sich vor größeren Verwerfungen zu schützen.
Im Extremfall führt dann die Verdrängung von gewichtigen Gegenargumenten zu einer Prinzipienreiterei und sogar zu unzulässigen Rechtsausübungen, wenn z.B. ein Fahrer bei grün über eine Ampel fährt, obwohl er sieht, dass ein von der Seite kommendes Fahrzeug nicht mehr in der Lage ist rechtzeitig zu Bremsen und provoziert damit, im dogmatischen Pochen auf ein vermeintliches Recht, einen tragischen Unfall.
Oft ist es für die Person selbst, für das Gemeinwesen oder das öffentliche Wohl besser auf vermeintliche Rechtspositionen zu verzichten. Ein Leitfaden für Gut und Schlecht kann es dabei leider nicht geben und Irrtümer somit systemimmanent!
3. Über den eigenen Tellerrand blicken
Vernunft braucht unterschiedlichen Perspektiven auf einen Vorgang. Nicht umsonst sind die Aussagen von Zeugen oftmals zweifelhaft, weil sie durch persönliche Erwartungen, Erlebnisse, sowie kognitive Verzerrungen beeinflusst werden.
Ein Zeuge, selber Motorradfahrer, hat solange behauptet, dass er bei einer von ihm beobachteten Karambolage selber gesehen habe, dass ein Autofahrer einen Motorradfahrer fahrlässig geschnitten hätte, bis ihm unwiderlegbar nachgewiesen wurde, dass er das von seinem örtlichen Standpunkt aus gar nicht gesehen haben konnte.
Vor diesem Hintergrund sind jegliche Informationsblasen äußerst bedenklich, nicht zuletzt die digitalen. Es gibt kaum eine ausreichende Infragestellung des dortigen Meinungsgebildes, sondern nur positive Unterstützungen, was zu Wahrnehmungs- und Warheitsverzerrungen führen muss. Daher haben Fake-News auch ein so langes Leben und rollen oft wie ein Tsunami durch die digitale Welt.
4. Vertrauen schenken, aber nicht blind
Psychologen haben nachgewiesen, dass wir uns in der Beurteilung darüber, ob eine vertrauenswürdige Person vor uns steht immer noch zu oft davon leiten lassen, wie der Gegenüber uns erscheint (sympathisch, ehrlich, offen, erhobenen Blickes, ordentlich usw.). Wir blenden dabei aus, dass in der digitalen Welt alles gefakt sein kann und geschickte Verführer Talent und Schulung haben, um uns zu beeinflussen.
Andererseits kommen wir ohne ein gewisses Maß an Vertrauen auch nicht durchs Leben, weil wir dann vor lauter Vorsicht zu keinem Entschluss kommen.
Hier gilt es Augenmaß zu bewahren. Werden Argumente mit Alarmismus, Schuldzuweisungen und Selbstlob vorgetragen, ist Vorsicht geboten. Das sind alles Merkmale des Populismus oder, wie man heute auch sagen kann, Trumpismus.
5. Ruhe bewahren
Emotionaler Aufruhr tut dem Denken selten gut! Das belegt auch eine Metastudie von Forschern der Universität Zürich. Demnach machen insbesondere negative Emotionen anfälliger für irrationale Gedankengänge. Mit guter Laune sind wir eher bereit Dinge zu akzeptieren, die wir sonst ablehnen würden. Darum auch die fröhliche Musik, guten Düfte und anschaulichen Darbietungen der Waren in den Konsumtempeln.
Emotionen sind sogar oft Impulsgeber für falsche Handlungsweisen. Nach aktuellen Forschungslagen gibt es eine nachweisliche Lust etwas Falsches zu tun, um seine Unabhängigkeit zu beweisen. Eine Portion Trotz (Reaktanz) steckt hinter vielen radikalen Meinungen.
Unvernunft führt zu fatalen Fehlschlüssen, auch im Rahmen der aktuellen Umweltprobleme, Kriegsgeschehnisse und anderen Nöte.
Es bedarf daher einer unaufgeregten und vor allem ergebnisoffenen Diskussion, Herausarbeitung von Handlungsalternativen und durchführbaren Szenarien und positiver Narrative, um die aktuellen und mannigfaltigen Probleme bewältigt werden können, ohne in eine allgemeine Agonie und Verharren in Verhaltensweisen des letzten Jahrhunderts zu verfallen.
Lassen wir Vernunft walten!
Warum entscheiden wir uns so oft anders als es zu erwarten wäre?
Ständig stehen wir vor dem Dilemma uns entscheiden zu müssen.
Unser Hirn leitet uns oft in die Irre!
Gewusst wie und man hat bereits viel gewonnen!
Hier einige Fallstricke im Entscheidungsdschungel – frei nach Anna von Hopffgarten:
1. Reaktanzeffekt
Verbote fordern unseren Trotz heraus und lassen uns Regeln brechen.
Der hat mir gar nichts zu sagen!
2. Verlustaversion
Oft scheuen wir z.B. mehr Geld auszugeben, um Qualität zu bekommen und kaufen lieber ein Billig-T-Shirt aus China, obwohl wir wissen, dass sich das selten lohnt und im Zweifel umweltschädlich ist.
Aber … bei einem Fehlkauf hätten wir weniger Geld verloren. Wir gewichten Verluste höher als Gewinne!
Wer billig kauft, kauft zweimal!
3. Entscheidungsträgheit
Man verharrt in Traditionen, obwohl eine Veränderung gut tun würde.
Hier gibt es Überschneidungen mit der Verlustaversion.
Was ich habe weiß ich. Was ich bekomme ist ungewiss.
4. Bestätigungsfehler
Haben wir uns eine Meinung gebildet, nehmen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit vermehrt Argumente wahr, die uns in unserer Meinung bestätigen. Gegenargumente gehen oft unter.
Ich esse oft Fleisch, das gehört seit Jahrtausenden zur Ernährung des Menschen.
5. Impulshandlung
Eine ad hoc zur Verfügung stehende Handlungsvariante ist oft attraktiver, als eine in der Zukunft erreichbare und darüber hinaus auch so verlockend, dass ich kaum widerstehen kann.
Nach einem Shoppingtour habe ich oft Dinge in der Einkaufswagen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie brauche.
6. Nachahmungsfehler
Wenn Andere sich für eine Entscheidungsvariante entschieden haben, wertet man das als gutes Argument dafür, die gleiche Entscheidung zu treffen.
Das meist verkaufte Auto seiner Klasse. Müllers haben das auch.
7. Lusteffekt
Eine positive Stimmungslage verführt eher dazu einer Meinung oder einem Vorgang ebenso positiv gegenüberzustehen, auch wenn dieses nicht ursächlich für die Stimmungslage ist. Das gilt auch für den umgekehrten Fall.
Wer mit Hunger in ein Kaufhaus geht, wird mehr Lebensmittel kaufen als eigentlich nötig, ggf. sogar auch vermehrt andere Konsumartikel.
8. Repräsentativheuristik
Ereignisse, die (medial) sehr präsent und eingängig sind, werden oft als maßgeblich erachtet.
Nach einem abschreckenden Verbrechen schreien alle nach mittelalterlichen Strafen und das Strafverfolgungssystem wird in Frage gestellt.
9. Primäreffekt
Das, was man aus einer Menge an Informationen als erstes wahrnimmt ist mit hoher Wahrscheinlichkeit meinungsbildend.
Markenartikel werden im Lebensmittelmarkt immer in Sichthöhe positioniert.
10. Mere-Exposure-Effekt
Je öfter wir mit einer Aussage, einer Eigenschaft oder mit einem Gegenstand konfrontiert werden, desto eher stehen wir diesem positiv gegenüber.
So funktioniert Werbung!
